Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der vornehme Venediger

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

Auf der weidereichen Alp Casanna im Prättigau lag an einem schwülen Sommertag der Kuhhirt Peter am Fuss eines Felsens neben einem murmelnden Bächlein zwischen lieblich duftenden Bergblümchen. Der hohe Fels verbreitete kühlen Schatten auch über die glänzend braunen, fetten Kühe, welche um ihn herum ebenfalls Mittagsruhe pflegten.

Da trat plötzlich aus einer Felsenecke ein grosser Mann in zerrissenen Kleidern hervor. Die Tiere erschraken ob dem Erscheinen der seltsamen, fremden Gestalt, sprangen auf und zerstoben nach allen Seiten. Der in seiner süssen Ruhe so unangenehm gestörte Hirt griff zornig nach seinem Stecken, eilte zu dem ungebetenen Gast und versetzte ihm einen Schlag. Der arme Mann zog sein Nastuch aus der Tasche und wischte wehklagend das Blut von seiner Stirn. Peter liess ihn stehen und lief da und dorthin, um nach den zersprengten Kühen zu sehen. Als keine von ihnen Schaden genommen hatte, bereute er seine Tat. Und wenn der unbekannte Mann nicht verschwunden wäre, hätte er ihn um Verzeihung gebeten.

Es verstrichen mehrere Jahre. Da ging Peter mit einem Viehhändler auf die italienischen Märkte. Weil das Vieh schlechten Absatz hatte, mussten sie bis nach Venedig ziehen. Peter betrachtete dort gerade die prächtigen Paläste, als ein vornehmer Herr auf ihn zukam, Peter etwas steif musterte und fragte, woher er denn sei. «Aus dem Bündnerland», gab Peter zur Antwort. «Ei! Das freut mich, einen Bündner in Venedig anzutreffen», sagte nun der feine Herr gar freundlich in gebrochenem Deutsch, «ich bin auch in Graubünden gewesen. Die Bündner sind brave, liebe Leute, kommt mit mir in mein Haus zu einem Glas Wein.»

Der verblüffte Viehtreiber wurde in einen glänzenden Palast geführt, wo er mit seinen groben Schuhen fast nicht zu erscheinen wagte. Obwohl der feine Wein und die guten Speisen vortrefflich mundeten, war ihm doch nicht recht heimelig zumut. Und als der Herr ihn endlich fragte, ob er nicht einmal auf der Alp Casanna das Vieh gehütet habe, und ob er sich nicht mehr an einen Fremden erinnere, der seine Kühe erschreckt habe, begann sein armes Herz unter dem Brusttuch (Gilet) heftig zu klopfen. «Ich bin jener Fremde gewesen», fuhr der Herr immer in freundlichem Ton fort, «habt aber deswegen keine Angst, lieber Bündner. Ich weiss schon, dass ihr mich im Zorn und aus Sorge für die Euch anvertrauten Tiere geschlagen habt. Es soll Euch kein Leid geschehen. Ich verdanke nämlich meinen Reichtum den Felsen des Bündnerlandes, wo ich viele Sommer möglichst versteckt arbeitete, in den Sträuchern und zwischen den scharfen Steinen oft meine Kleider zerriss, aber manches Säcklein voll köstlicher Steine davongetragen habe. Ich wickelte die Goldklümplein jeweils in dürres Gras ein. Darum meinten die Bauern, ich sei ein Wunderdoktor und sammle Heilkräuter. Trinkt noch ein Glas, lieber Bündner, nehmt diese Goldmünze mit auf den Heimweg und sagt zuhause, es gebe auch in Venedig gute, brave Leute.»

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch