Die verschüttete Silbergrube
In Conters im Prättigau lebte ein armer Mann, der hiess Christian Casolf. Zu ihm kam einmal ein Venediger und bat ihn, mit ins Gebirge zu kommen. In der Casanna-Alp zeigte der fremde Venediger dem Mann aus Conters eine Silberader, worauf sie wieder zusammen nach dem Dorf zurückkehrten.
Am Tag drauf nahmen die beiden noch einen Kameraden von Casolf zu der betreffenden Stelle mit. Sie gruben nun etliche Wochen lang streng und hatten bereits eine so tiefe Grube, dass sie eine Leiter brauchten, um hinab- und hinaufzusteigen. Die drei stiessen auf ganz netten Silberkies.
Als sie nun meinten, die Metalladern bald erreicht zu haben, da ging der Venediger von den zwei anderen weg. Vorher aber machte er noch einen Kreis um die Grube herum und sagte ihnen, an dem und dem Tag werde eine Frau kommen und mit aller Gewalt versuchen, den Kreis zu überschreiten und in die Grube hineinzuschauen. Das müssten sie um alles in der Welt verhindern, denn wenn die Frau auch nur einen einzigen Blick in die Grube werfen könne, werde all ihre Arbeit für nichts und wieder nichts gewesen sein.
Der eine der beiden Männer hielt an dem betreffenden Tag Wache. Und währenddem sich der andere daran schickte, die gefundene Silberader zu öffnen, erschien die Frau am Nachmittag wirklich. Sie kam mit aufgelösten, fliegenden Haaren wie rasend gegen die Grube gelaufen. Der Wachhabende rannte ihr entgegen, um sie aufzuhalten, aber er war nicht schnell genug. Es gelang ihr, in den Kreis zu treten und in die Tiefe zu schauen. Der Grabende hatte sie nun auch erblickt und erklomm, Unheil vorausahnend, eilig die Leiter. Kaum hatte er aber seinen Fuss von der letzten Leitersprosse abgehoben, schloss sich die Höhle unter grässlichem Gerumpel und Gekrache. Weder die Frau selber, noch eine Spur von ihr sind je wieder gesehen worden.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch