Mutabor Märchenstiftung

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Dem Erezmännli wachen

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

Unter der Conterser Schwendi heisst es «Erezsäss». Dunkle Gänge mit Lerchenholzsperren zeugen von den goldenen Zeiten der Vergangenheit, da im Berginnern edles Gestein gewonnen werden konnte.

Der Volksmund aber weiss zu berichten, dass das Glück heute noch dreien Wagemutigen mit grosser Geduld und Ausdauer lachen könnte. Nur müssten sie alle drei an einem Sonntag geboren worden sein und drei Mal 24 Stunden im gleichen Raum dem «Erezmännli» wachen ohne ein Wort zu sprechen und ohne zu schlafen. Dann aber kämen sie zu recht Geld.

Vor wenigen Jahrzehnten haben in der Tat drei Männer, welche alle drei an einem Sonntag geboren worden waren, den Versuch dazu voller Hoffnung und Wagemut unternommen. Einmal vom vielen Geld erfahren, das da auf sie warten sollte, trafen sie sorgfältig ihre Vorbereitungen. Sie schafften dürres Holz an, damit die Stube der leeren Hütte auch ja gut geheizt werden konnte. Sie trugen Wasser, und haben auch sonst allerlei besorgt.

Um Mitternacht endlich begannen sie mit dem Wachen. Und sie haben auch ausgeharrt! Drei Tage und drei Nächte wachten sie alle drei ohne jeden Schlaf und ohne ein Wort zu reden dem «Erezmännli». Und, wie später alle drei übereinstimmend behaupteten, punkt zwölf Uhr in der Nacht sei die Stubentüre aufgesprungen und eingetreten sei ein kleines Männlein mit einem prall gefüllten Sack auf dem Rücken, den es zur Verwunderung aller mitten auf den Boden stellte. In diesem Augenblick aber entfuhr einem der Glücksuchenden unvermittelt der Satz: «Alle guten Geister loben Gott und loben ihren Meister!» — und nichts mehr war da! Nur habe einer der drei noch einen schwarzen Pudel über den Zaun hinwegspringen sehen.                                             

Am Morgen drauf waren die «Vögel» ziemlich niedergeschlagen. Sie haben es dann später in einer andern Hütte nochmals versucht, aber da ist ihnen in der letzten Nacht nach vielen Stunden mühsamen Wachens einer eingeschlafen. Und so war halt wieder nichts.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch