Choli, witt au Türgg?
Ein armes Hirtenbüblein hütete auf der Alp die Schafe. Der kleine Hirt wohnte in einer alten, nicht mehr benutzten Alphütte. Die Hütte bestand aus Stube, Nebenkammer, Vorraum und Keller In den Keller ging er zwar nie, weil es ihm dort nicht so recht geheuer zu sein schien. Er hatte einige Ziegen bei sich, die ihm genügend Milch zum Kochen gaben.
An einem Mittag hatte er wieder eine Pfanne voll Maisbrei gekocht und auf den Tisch gestellt. Er wollte gerade mit dem Löffel wacker dran, als plötzlich ein riesengrosser Mann mit einem schwarzen Bart hereinkam. Dieser sprach kein Wort, machte aber Miene, am Mahl teilhaben zu wollen. Darum sagte das Bübleim «Choli, witt au Türgg?» Das liess sich der Mann nicht zweimal sagen. Er setzte sich an den Tisch und hielt mit.
Nach dem Essen gab der Riese dem Büblein zu verstehen, es solle ihm folgen. Sie gingen in den Keller hinunter. Dort standen drei gefüllte Säcke. Der Mann hiess nun den Buben, einen der Säcke auszuwählen. Mit Zittern und Zagen besah sich das Büblein die Säcke. Bei einem glaubte er, an einer schadhaften Stelle etwas wie Gold glänzen zu sehen. Darum entschied er sich für diesen. Da liess der Mann einen Freudenlaut ertönen und sagte: «Lieber Bub, du hast den rechten Sack ausgelesen und mich erlöst. Hättest du einen der anderen Säcke gewählt, so wäre es um dich geschehen gewesen, und ich hätte noch lange Zeit hier bleiben müssen». Dann hob sich der Riese den schweren Sack auf den Rücken und trug ihn in die Stube hinauf. Dort stellte er ihn auf den Boden und sagte: «Der Sack ist voller Goldstücke, und sie sind alle dein». Nach diesen Worten verschwand der Mann, und man sah ihn nie wieder. Das Büblein abert rug den Schatz nach und nach ins Tal hinunter nach Hause. Er, seine Familie und seine Nachkommen waren reich für ihr ganzes Leben.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch