Das Dreifingerkraut
Man schrieb das Jahr 1622. Am Palmsonntag hatten sich die Prättigauer erfolgreich gegen die östreichischen Besetzer erhoben und sie aus dem Tal vertrieben.
Bereits im kommenden Sommer unternahmen die Österreicher aber erneut mehrere Raubzüge ins benachbarte Prättigau. Das Schlappinerjoch anerbot sich den Montafonern als bevorzugten Übergang bei derartigen Einfällen. Die Männer aus Klosters mussten in jenem Unglücksjahr unter der Anführung ihres Hauptmann Jeuch oft zu den Waffen greifen und die Eindringlinge vertreiben.
Wenige Wochen nach der siegreichen Schlacht des Palmsonntags stürmte ein Montafoner Räubertrupp über das Joch. Im Schlappinertobel gelang es den Prättigauern, die auf der Hut waren, der Bande den Weg abzuschneiden und sie einzukreisen. Die unerbetenen Gäste mussten nun mit zum Himmel erhobenen Schwörfingern heilig geloben, die Gefilde des Prättigaus nie wieder in frevelhafter Absicht zu betreten. Dann konnten sie ungeschoren heimwärts kehren. Bald darauf hingegen mussten sich die Klosterser abermals gegen einen Raubzug wehren, der über das Schlappinerjoch eingefallen war. Wieder konnten sie ihm den Weg abschneiden und im Tobel unterhalb des Dörfleins Schlappin einkreisen. Als sich unsere Talleute jedoch recht vertrauten Gesichtern gegenübersahen, kannten sie kein Erbarmen mehr, obwohl jene schon wieder um Gnade flehend ihre Schwörfinger zum Himmel erhoben hatten. Mit den scharfen Schwertschneiden schlugen sie nun den Meineidigen rasend vor Wut kurzerhand die ausgestreckten Schwörfinger ab.
Seit jener Zeit heissen die Montafoner im Prättigau wegen den abgeschnittenen Fingern «d'Stumpa». Und eigentümlicherweise wächst seither am Ort des Geschehens auf dem «Schiiterbüdemji» ein dreiteiliges Silbergras, das «Drei-Finger-Chrut» — als ob die auf der Stelle Niedergemetzelten und in den Boden Verscharrten nie ganz zur Ruhe gekommen wären!
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch