Im Bündelti
Bis vor wenigen Jahrzehnten stand das alte Bündelti-Schulhaus gegenüber dem jetzigen neuen Schulhaus, so ganz an die Bergwand angelehnt. Schon immer hatte es geheissen, dort gehe nicht alles mit rechten Dingen zu — es geiste. Warum, das wussten die alten Leute noch zu erzählen.
Während der Pestzeit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts musste das Tanzen überall verboten werden. Auch in Klosters waren sämtliche Anlässe und Versammlungen untersagt, damit sich die schlimme Seuche nicht noch zusätzlich ausbreiten sollte.
Einigen jungen Burschen und Mädchen aus Klosters wurde das aber zu langweilig. Sie trafen sich und besprachen, wie sie es dennoch lustig haben könnten. Dabei kamen sie auf die Idee, in der Nacht das stille Schulhäuschen vor Monbiel aufzusuchen, dort würde sie niemand hören. Die Burschen besorgten das Trinken, und die Mädchen kümmerten sich um das Essen. Am Samstagabend verschwanden sie, von der Dunkelheit geschützt, ins abgeschiedene Schulhäuschen. Sie tanzten zu heiteren Geigenklängen, lachten und festeten fröhlich miteinander.
Das ging eine Weile gut so, dann aber wurden die nächtlichen Treffen aller Heimlichkeit zum Trotz bekannt. Die Tänze im Bündelti-Schulhaus kamen aus. Unter der Bevölkerung herrschte Missmut ob dem ungehaltenen Treiben der Jungen, und man hörte, denen wolle man es schon zeigen.
Es tat sich — auch heimlich — eine andere Gruppe zusammen, die sich ebenfalls für den Samstagabend im Schulhaus verabredete. Auch sie nahmen einen Geiger mit sich —- aber nichts zu essen und zu trinken — und fanden sich ein wenig früher ein, um sich rechtzeitig vor dem Kommen der anderen im ersten Stock zu verstecken.
Bald hörten sie, wie man sich im untern Hausteil zu schaffen machte, und es ging nicht lange, da waren Geigentöne zu vernehmen, und Tanzlärm kam ihnen vom Parterre her zu Ohren. Nun war die Zeit da, wo auch sie etwas unternehmen mussten!
Sie machten es ganz einfach den untern gleich und fingen an, sich in derselben Weise fröhlich zu rühren. Sind die untern erschrocken! Der Geiger warf sein Instrument weit von sich, sie liessen überhaupt alles hinter sich zurück und flohen eiligst zu Fenstern und Türen hinaus — was gerade näher war.
Die hinterlistigen Spielverderber hingegen freuten sich aufrichtig. Sie wechselten das Stockwerk und taten sich zum Lohn für ihre Bemühungen an liegengelassenem Speis und Trank gütlich.
Von jenem Samstagabend an hat es mit den verbotenen Tänzen im Bündelti gebessert, aber seit eben dieser Zeit hiess es, dort stimme etwas nicht.
Ein älteres Fräulein, das von der hereingebrochenen Dunkelheit überrascht worden war, musste auch einmal diesen unheimlichen Ort zu Fuss passieren.
Ihr kam die Bündelti-Hexe gar zu Gesicht. Plötzlich hörte sie hinter dem Strassenzaun ein merkwürdiges Geräusch zum Rauschen der nahen Landquart hinzu. Und als sie hinschaute, erkannte das Fräulein die Hexe vornübergebeugt, wie sie parallel mit ihr des Weges kam. Aber sie ging nicht richtig, sie rutschte. Das jagte dem älteren Fräulein ein schreckliches Grausen ein, so dass sie, so schnell sie die Beine trugen, Klosters zueilte.
Es versteht sich nun von selbst, warum der Aufenthalt im Bündelti-Schulhaus ausserhalb der Schulzeit möglichst vermieden wurde. Seit 1942 aber steht dem abgebrochenen alten Schulhäuschen ein neues gegenüber, von welchem man solche Dinge nicht mehr gehört hat.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch