Mutabor Märchenstiftung

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Die Sage von der Teufelsbrücke

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Region: Schöllenenschlucht
Kategorie: Sage

Vor langer Zeit hörten die Urner von dem köstlichen Wein im Süden und wollten auch welchen haben. Doch um nach Italien zu gelangen, mussten sie zunächst eine Brücke durch die Schöllenenschlucht und über die Reuss bauen.
Die Ratsherren und der Landammann schauten sich die Sache an, doch niemand wusste, wie die Schlucht zu überqueren war.
„Da müsste schon der Teufel kommen und eine Brücke bauen”, meinte der Landammann.
Kaum hatte er das gesagt, stand der Teufel vor ihnen und sagte: „Ich baue euch die Brücke in drei Tagen. Aber der erste, der darüber geht, gehört mir.”
Die Männer schauten sich an und jeder dachte: „Ich werde sicher nicht als Erster über die Brücke gehen.” Sie willigten ein, und der Teufel machte sich sofort an die Arbeit.
Nach drei Tagen stand eine mächtige Brücke über der Schlucht. Am anderen Ende saß der Teufel. Die Urner warteten in der Hoffnung, der Teufel würde bald verschwinden – doch vergebens. Weil keiner als Erster über die Brücke gehen wollte, berieten sie sich. Einer der Ratsherren sagte: „Ich habe zu Hause einen wilden Ziegenbock, der es auch mit dem Teufel aufnehmen kann. Er soll als Erster über die Brücke gehen.”
Die anderen waren einverstanden. Sie holten den Ziegenbock und führten ihn mit großer Mühe zur Brücke. Dort ließen sie ihn los, und er rannte in wilden Sprüngen über die Brücke. Die Männer riefen dem Teufel zu: „Hier kommt der Erste, den kannst du behalten!”
Als der Teufel merkte, dass er betrogen worden war, rief er: „Wartet nur, das werdet ihr büßen!”
Er packte einen riesigen Felsbrocken und wollte damit die Brücke zerstören. In diesem Augenblick ging eine alte Frau an ihm vorbei und sagte: „Was schleppst du so schwer an diesem Stein? Stell ihn doch einmal ab und ruhe dich aus.“
Der Teufel stellte den Stein ab und die alte Frau ritzte heimlich ein Kreuz in ihn. 
Als der Teufel den Stein wieder hochheben wollte, entdeckte er das Kreuz, erschrak und rannte so schnell er konnte davon.Seit dieser Zeit, so erzählt man sich, hat sich der Teufel nie mehr blicken lassen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: J. Müller, Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945, © Mutabor Verlag