Von den letzten Bären
Bis gegen das Ende des letzten Jahrhunderts hausten noch die Bären in unseren Wäldern und Bergen. Vor allem die Herden waren nicht sicher vor den pelzigen Kerlen. Auf Vereine wies ein schwarzes «Chüeli» im Herbst ganze Striemen am Kopf über die Stirn hinab auf. Auf Garfiun wurde in der Nacht ein Rind beim «Türli» von einem Bär geschlagen, sodass es den Serneusern verging, ihr Galtvieh auf der Alp Pardenn nachzusömmern. Und jeder war froh, wenn er keinen Bären zu Gesicht bekam.
Ein Hirt aus dem Dörfji wusste zu erzählen, dass eines Nachts auf dem Säss unter der Sennenhütte Sardasca ein fürchterliches Spektakel losging. Von diesem «Gesang» geweckt, gingen die Hirten nachschauen und mussten feststellen, dass «dr Schwiinschärmen» (der Schweinestall) leer war. Sie hörten gerade noch durch die Nacht, wie sich die Schweineschar gegen Verstancla davonmachte. Da sie in der Dunkelheit nichts mehr ausrichten konnten, haben sie sich nach dem nächtlichen Intermezzo wieder schlafen gelegt.
Am Morgen standen sie in aller Frühe wieder auf, um melken zu gehen. Nachher wollten sie gegen Verstancla hinein, wo sie die Ausreisser vermuteten. Die Hirten kamen noch nicht einmal dazu, sich aufzumachen, da sahen sie aus dem Morgennebel die ganze hübsche Reihe herausspazieren. Alle kamen und keines fehlte, aber sie schwenkten die Köpfe so hin und her, und ihre Augen blickten alle so merkwürdig bös und wild drein. Die Hirten haben dann angenommen, dass in der Nacht der Bär unter die Schweine gekommen war. Schweine aber können bös sein und wussten sich tapfer gegen Bären zu wehren. Wahrscheinlich haben sie ihm fast den Bauch aufgeschlitzt.
im Jahre 1895 sollen zwei Jäger aus Davos am Scaletta noch Bären erlegt haben, und seither hat man in Klosters nie wieder etwas von Bären gehört.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch