Mutabor Märchenstiftung

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Das Wildmännli von Conters

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Klosters
Kategorie: Sage

Ein wildes Männli hütete mehrere Jahre lang die Heimkühe von Conters ohne dafür Lohn zu verlangen. Es kam aber nie ins Dorf. Jeden Morgen wurde das Vieh vor den Ort hinausgetrieben, wo es der wilde Küher in Empfang nahm und — wie es den Eindruck erweckte — ganz zu seinem Vergnügen hütete.

Mit der Zeit wollten sich die Conterser für seine geschätzten Dienste doch erkenntlich zeigen und schafften ihm eine komplette, schöne Kleidung an. Diese legten sie ihm an den Platz, wo er jeweils am Morgen die Kühe übernahm. Dem Wilden schien der neue Schmuck zu gefallen. Er probierte lang hin und her, bis ihm die ungewohnte Tracht tadellos sass und besah sich dann selbst mit offensichtlichem Wohlgefallen. Es schlich sich nun eine bis dahin unbekannte Empfindung in sein Herz: die Eitelkeit. Das Männchen sprang und tanzte eine Zeitlang umher, man hörte es jubeln und singen. Dann warf es seinen Hirtenstecken weit von sich weg und sang immer noch tanzend:

«Was wett au so an Weideleman

meh mit den Chüena z'weidela gahn».

Sodann lief es lustig fort in den Wald und wurde nie wieder gesehen. Und die Kühe gaben seitdem nicht mehr so viel Milch.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch