Der launige Alpbutz
Ein ganz launiger Kerl von einem Alpbutz hauste auf dem Inner-Säss im Schlappinertal. Auf dieser Alp hatte einmal der Grosshirt am Herbst bei der Alpentladung absichtlich ein Rind zurückgelassen. Am andern Tag schickte er seinen Kleinhirten auf die Alp, um das anscheinend vergessene Tier zu holen. Denn der Grosshirt mochte den Kleinen nicht leiden, und da dachte er sich, wenn der kleine Nichtsnutz allein hinaufkommt, wird ihn der Alpbutz schon in Empfang nehmen.
Der Kleinhirt nahm also auf Geheiss seines Meisters den Weg unter die Füsse und kam zur Alphütte, wo er im Stafel das Rind behaglich wiederkauend vorfand. Er setzte sich im Stafel zur Rast, packte seinen Sack aus und begann zu «märenden» (mittagessen). Nach einer Weile kam der Alpbutz herein und kauerte sich wortlos und untätig neben dem schmausenden Kleinhirten auf den Boden nieder. Der Kleinhirt bot dem Butz auch von seinem «Märende» an, und der griff wacker zu.
Beim Abschied überreichte der Butz dem Hirten zum Dank ein zierliches «Schelmapfiifli». Als dann das Hirtlein am Abend mit dem Rind und dem «Schelmapfiifli» nach Hause kam, schaute der Grosshirt ganz verwundert drein — umso mehr als er die schönen Töne des «Pfiifli» vernahm. Er dachte: Der Butz muss doch nicht so arg sein, und ein solches «Pfiifli» möchte ich auch haben. Er liess es sich zeigen und probierte es aus. O, wie schön konnte er mit dem musizieren, so laut, dass es von den Bergen widerhallte — und so leise und mild, dass er es selbst kaum hörte!
So eins muss dir der Butz auch geben, ob er will oder nicht, dachte er bei sich. Im gleichen Herbst kehrte auch er noch allein der Alp zu, aber vom habsüchtigen Grosshirten ist nichts mehr zurückgekommen.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch