Der fremde Musiker
Eines Abends war eine fröhliche Gesellschaft in Klosters am Platz übermütig unterwegs. Nicht weit von der Kirche entfernt begegnete ihr ein sonderbar gekleideter Mann mit Geissfüssen, der auf einer Handorgel spielte. Obwohl sie sich alle vor dem Fremden fürchteten, gefiel ihnen seine Musik ausgezeichnet. Und so baten sie ihn, er möchte sie doch begleiten und ihnen «aufmachen» (musizieren).
Der Unbekannte führte sie nun in viele Häuser hinein. Alles war begeistert von seiner schönen Musik und überall ging es lustig zu und her. Zuletzt führte er sie vom Platz weg zu einem Dornbusch hin und gab ihnen vor, jetzt wolle auch er sie noch ein wenig zugast haben. Vor dem Dornbusch angekommen, stampfte er auf den Boden, dass es krachte, und im Nu war der Dornbusch verschwunden. Dafür fand sich die ganze Gesellschaft in einem grossen, wunderbaren Saal wieder, der jedoch nicht mit Türen versehen war.
Statt dass ihnen der fremde Musikant nun weiter aufgespielt und sie bewirtet hätte, jagte er sie mit einer riesigen, lebendigen Schlange in der Hand so lang im Saal umher, bis eines nach dem andern vor Schreck, Angst und Müdigkeit besinnungslos umfiel.
Am Morgen lagen sie alle übel zugerichtet und mit geschwollenen Köpfen an einem langen Strick aneinander angebunden um den Dornbusch herum.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch