Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Teuer bezahlte Mutprobe

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Klosters
Kategorie: Sage

Um die finstere Mitternachtsstunde brannte im Wirtshaus neben dem Klosterser Friedhof hinter dicken Vorhängen noch Licht, und in der verrauchten Stube hockten ein paar Männer in feuchtfröhlicher Runde beisammen. Es wurden Gruselgeschichten zum besten gegeben, man prahlte, und jeder versuchte den andern in der Schilderung erlebter und bestandener Mutproben zu übertreffen.

Da anerbot sich einer — der sich besonders rühmte, weder Tod noch Teufel zu fürchten und überhaupt ganz und gar furchtlos zu sein — als Beweis seiner Unerschrockenheit während des Mitternachtsschlages der nahen Kirchturmuhr den Friedhof aufzusuchen, dort ein Grabkreuz auszureissen und es als Erweis seiner Tapferkeit in die Wirtsstube mitzubringen. Währenddem die andern nicht recht glauben wollten, erhob er sich vom währschaften Holzstuhl, verliess die Gaststube und verschwand in der Dunkelheit der mondlosen Nacht in Richtung Friedhof. Kurz darauf erschien er tatsächlich mit einem eisernen Grabkreuz in den Händen wieder, an welchem noch schwarze Friedhoferde klebte. Die Runde befiel ein leichtes Grausen — den einen oder andern schauerte es richtig. Der Mutige trat abermals in die Nacht hinaus, um das Kreuz dem Grab wieder zurückzugeben.

In der Gaststube erwartete man bange seine Rückkehr. Die Zeit strich dahin, und die Turmuhr schlug halb eins. Ausser dem Summton einer Fliege war drinnen nichts mehr zu hören. Sie schauten sich an und gingen ebenfalls auf den Friedhof hinaus, als der Kamerad nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt war. Schaurig war der Anblick des Toten in der Nacht, der neben dem Grab lag. Die Kreuzspitze steckte im unteren, linken Mantelzipfel.

Der Unglückliche hatte sich, im Bestreben das Kreuz wieder in die Erde hineinzustossen, mit der Kreuzspitze im Mantel verfangen. Als er dann kräftig erdwärts drückte, verspürte er vom Grab her einen unwiderstehlichen, starken Zug an seiner Schulter — darüber war er dermassen erschrocken, dass er tot zu Boden fiel und die Mutprobe teuer bezahlte.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch