Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Dür ds Chämi uf und nienä an

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Klosters
Kategorie: Sage

Eine junge Magd merkte eines Tages, dass ihre Herrin jeden Donnerstag- und Samstagabend auf geheimnisvolle Weise aus dem Haus verschwand und erst wieder am nächsten Morgen zurückkam. Die aufmerksam gewordene Magd hatte auch beobachtet, dass sich ihre Herrin vor dem Gehen immer zuletzt in der Küche aufhielt. Dem Ding wollte nun die Magd auf den Grund kommen. Sie versteckte sich eines Abends heimlich in der Küche. Es verstrich gar nicht allzu viel Zeit, da erschien die Bäuerin. Sie reichte nach einem kleinen Töpfchen aus dem Kasten, das eine Salbe enthielt. Die Herrin bestrich den Besenstiel mit der Salbe, setzte sich rittlings darauf und sagte: «Dür ds Chämi uf und nienä an». Dann fuhr sie durch den Kamin hinauf wie der Blitz in die blaue Luft und verschwand.

Das gefiel der Magd nicht schlecht. Sie verliess ihr Versteck und griff ebenfalls nach einem Besenstiel. Diesen bestrich sie mit der gleichen Salbe wie es ihre Herrin getan hatte, setzte sich auch darauf und sagte übermütig: «Dür ds Chämi uf und überall an». Da fuhr auch sie schnell durch den Kamin hinauf — aber sie schlug Kopf, Füsse und Arme überall an. Sie wurde über alle Zaunstecken geschleipft und durch alle Wasser gezogen. Endlich kam sie auf einer schönen, aber weit abgelegenen Waldwiese an, mehr tot als lebend. Diese Wiese aber zeigte sich hell erleuchtet, und es herrschte da reges Leben. Eine flotte Streichmusik spielte auf; es wurde eifrig getanzt und gelacht. Bald bemerkte die Herrin ihre Magd und besah sich deren Zustand. Sie verspürte Erbarmen mit ihr, nahm schnell ein heilsames Wasser hervor und wusch dem armen Neuling unter den Hexen die Wunden und Beulen ab. Bald war sie wieder gesund und munter, fühlte keinerlei Beschwerden mehr und tanzte fröhlich mit. Es waren da noch mehrere junge Burschen und Mädchen aus dem Dorf zugegen. Alle zusammen unterhielten sich bis am Morgen aufs Beste.

Von nun an gingen Herrin und Magd immer miteinander zu den heimlichen Tänzen auf die Waldwiese, nur dass fortan die Magd ihr Sprüchlein richtig aufsagte.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch