Die verhexte Dame
Ein Bursche von Klosters war eines Morgens vor Tag auf dem Weg zur Alp. Da traf er unterwegs, auf dem Pardenner-Bödeli hinter Monbiel, einen Fuchs an einer Tanne angebunden. Der Bursche verspürte Mitleid mit dem armen Fuchs und befreite ihn aus der ungemütlichen Haft.
Nach Jahr und Tag zog dieser Bursche in niederländische Militärdienste. An einem Morgen wurde er in der grossen Stadt, in welcher er diente, in ein Herrschaftshaus gerufen. Dort führte man den Ahnungslosen in ein prachtvolles, reich möbliertes Zimmer und bewirtete ihn sehr zuvorkommend. Das alles geschah auf Anweisung einer hochgestellten Dame, die sich freundlich mit dem jungen Mann unterhielt und ihn fragte, ob er sie nicht kenne? Als er höflich verneinte, drang sie weiter in ihn ein, ob er sich noch an jenen Fuchs auf dem Pardenner-Boden erinnere? Der sei sie gewesen. Der böse Geist habe sie nämlich zu guter Letzt angebunden und ausgepeitscht, weil sie mit Verspätung zum Hexentanz erschienen sei. Durch ihn, den Burschen, sei sie aber aus der Gefangenschaft entlassen worden und der schlimmsten Strafe entgangen.
Nun wusste der junge Klosterser, warum er im Ausland so herzlich und gütig willkommen geheissen und bedient worden war.
Ganz ähnlich erging es einem Klosterser, der vorzeiten vierundzwanzig Jahre lang in Paris als Companie-Schneider diente.
Zu ihm kam einmal eine vornehme Frau aus der Stadt und fragte ihn, aus welchem Land er stamme? Auf seine Antwort, er sei ein Prättigauer, erwiderte die Dame, sie sei mit ihrer geheimen Kunst oft dort gewesen und fragte ihn, ob er das Pardenner-Bödeli kenne? Verdattert bejahte der Schneider, worauf ihm die Frau erklärte, an diesem Ort habe ihre Gesellschaft die Versammlungen abgehalten. Zu seinem Erstaunen nannte sie etliche Prättigauerinnen, welche auch er kannte, beim Namen. Mit grosser Verwunderung nahm der Klosterser Companie-Schneider in Paris diese merkwürdigen Neuigkeiten aus seiner Heimat zur Kenntnis.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch