Mutabor Märchenstiftung

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Die Geburtstanne

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

In dem Dorfe Auenstein an der Aare ward einem Landmann ein Kindlein geboren, und zu derselben Frist begehrte eine fremde Frau Einlass und Nachtquartier. Man hatte sie anfangs abgewiesen, dann aber gab man ihren dringenden Bitten nach und nahm sie auf.

Als sie tags darauf sich wieder auf den Weg machte, dankte sie ihrem Gastfreunde gar sehr, wünschte dem Neugebornen Glück und Wohlergehen, und mahnte die Hausbewohner alle, doch ja zu diesem Kindlein recht Sorge zu tragen. Denn ein Traum von einer hohen Waldtannne, den sie in dieser Nacht hier gehabt, deute leider darauf hin, wie es diesem armen Kinde bestimmt sei, wenn es einmal zwanzig Jahre alt geworden, sich erhängen zu müssen. Doch lässt sich, schloss das Weib, auch dieses Unheil abwenden, sobald ihr das Kind von seinem ersten Sprechen und Spielen an nur recht sorgfältig gewöhnt, alles im Namen Gottes zu beginnen.

Die Hausleute säumten nicht, den Rath der Alten treulich zu befolgen; so wurde das Kind in Gottesfurcht auferzogen und wuchs zu einer schönen Jungfrau heran. Niemals hatte man es allein, nie ohne Aufsicht über Feld, nie ohne Begleitung zur Kirche gehen lassen, und ohne Unglück waren seine neunzehn Lebensjahre vorbeigegangen.

Am frühen Morgen nun, da sein zwanzigster Geburtstag kam, weckte der Vater sein Kind, hiess es aufstehen und sich ankleiden, damit es mit ihm vom Hause fortgehe, ehe noch jemand erwacht wäre. Diesen Tag sollte die Tochter mit ihm droben auf dem menschenleeren Berge zubringen, wo keine Gesellschaft und kein Bekanntenbesuch Anlass zu einer unvorhergesehenen Gefahr geben konnte. Der Vater nahm Wein und Brot in das Quersäckchen, die Tochter trug das Körbchen, so gingen sie zusammen im Morgen durch die Bergmatten in den Wald hinauf.

Die Jungfrau war voll Lebenslust über den unerwarteten Spaziergang. Beim ersten besten Waldbaum blieb sie stehen und mass ihn in ihrem jugendlichen Uebermuth. Ei, welch' eine schöne Tanne, rief sie dann frohlockend in einen mächtigen Baum hinauf; ach Vater, auf diese lass mich doch steigen! In Gottes Namen, so geh' und steig' denn hinauf, sagte der Vater. Aber mitten im Sprunge wendete das Mädchen sich um; ach Vater, sagte sie mit verwundertem Tone, nun kann ich's nicht mehr! Der Mann verstand dieses Wort und dankte Gott still im Herzen. Der ganze Tag verging ohne Unfall, nun war die Tochter erst gerettet.

H. Herzog Quelle: Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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