Der Ring von Hallwyl
Ein alter Edelmann von Hallwyl hatte einen einzigen Sohn, Namens Johannes. Der gelobte mit andern Edelleuten, eine Reise nach dem heiligen Grabe zu thun. Obwohl der alte Vater den Sohn nicht gern ziehen sah, so musste er es dennoch geschehen lassen. Vor der Abreise nahm der alte Herr von Hallwyl einen goldenen Ring von seinen Fingern, und den brachen sie miteinander entzwei. Davon musste der Vater einen Theil und der Sohn den andern Theil des Ringes behalten. Der Vater versprach, seinen Theil des Ringes bei seinem Absterben dem Beichtvater oder sonst einem vertrauten Freunde auf ein Gelübde hin zu geben. Wenn nun der Sohn wieder gesund und frisch von seiner Reise komme, so habe der Beichtvater oder Freund das Stück Ring vorzuweisen, gleiches soll auch der Sohn thun, und wenn dann beide Theile des Ringes zusammen gehören, so soll dieser der rechtmässige Herr des Schlosses sein und bleiben.
So reitete der Sohn hinweg und blieb bei zwanzig Jahren in der Fremde. Inzwischen starb der alte Herr von Hallwyl, und wegen des langen Ausbleibens des Sohnes wurde das Schloss zu einem Kloster gemacht. Allein was geschah? Da kam eines Tages der junge Ritter von Hallwyl mit einem Diener daher geritten, und sah die Veränderung des Schlosses. Er liess aber hiebei seine Pferde einstellen und klopfte an der Pforte selbst an. Der Pförtner kam und fragte den Herrn, wer er wäre? Er gab zur Antwort: Man solle ihm das Schloss öffnen, er wäre der junge Ritter von
Hallwyl. Da lief der Pförtner und zeigte dieses dem Prior des Klosters an, welcher mit der ganzen Geistlichkeit daherkam, und begehrte das Wortzeichen von dem Ritter von Hallwyl. Da zog der Prior vorerst den halben Theil des Ringes, so ihm von dem Alten von Hallwyl übergeben worden, hervor, und so zog auch der junge Ritter von Hallwyl seinen halben Theil des Ringes hervor, und sie hielten sie gegeneinander. Und weil diese beiden Ringstücke zusammen gehörten, wie jedermann gleich erkannte, so mussten die Mönche gern oder ungern dem Herrn von Hallwyl den Platz räumen und das väterliche Schloss abtreten, welches zu einem Kloster gemacht war.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch