Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die beiden Wartburger

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Zwischen Aarburg und Olten erhoben sich ehedem auf zwei nahen Bergspitzen die beiden Wartburgen. Die südliche, nunmehr eine Ruine, gehört zum Aargau; die nördliche dagegen liegt im Kanton Solothurn, und ist auch unter dem Namen Sälischlössli bekannt. Einst gehörten die beiden Burgen zwei Brüdern, deren Vater so gut als reich und ein wackerer Ritter, aber ein unglücklicher Mann war. Denn frühe verlor er sein treues Weib, und seine beiden Söhne machten ihm nur das Leben sauer. Von Kindesbeinen an waren sie einander feind, und mit den Jahren wuchs ihr gegenseitiger Hass. Ost suchte sie ihr Vater zu versöhnen, aber nie mit Erfolg. Frühzeitig bleichte der Kummer seine Haare, und in den besten Jahren eilte er dem Grabe zu. Noch auf dem Todbette ermahnte er seine Söhne, die unselige Feindschaft aufzugeben und, einen Augenblick durch seine Bitten gerührt, versprachen sie mit Hand und Mund, sich fortan wie Brüder zu lieben. Aber bald kehrte der böse Geist des Hasses wieder bei ihnen ein, und durchbrach endlich jede Schranke. Nach vielen Zänkereien erklärte der ältere Bruder, der die Stammburg ererbt hatte, er werde den jüngern Bruder nicht mehr auf derselben dulden, und zornig entfernte sich dieser, indem er schwur, nicht weit zu gehen, sondern dem Ältesten zu Leide in der Nähe zu bleiben. Darauf baute er der Altwartsburg gegenüber auf dem andern Hügel die Veste Oberwartburg, oder machte sie doch, wenn sie schon vorhanden war, bewohnbar.

So sahen sich denn die Brüder fast täglich, aber sie sprachen nicht miteinander und suchten sich nur zu ärgern und zu schädigen. Nach und nach mehrte sich der Hass noch und schwere Drohungen, welche von beiden Seiten gefallen waren, liessen bereits eine fürchterliche That ahnen. Nie gingen sie unbewaffnet aus; nie traten sie auch nur an das Fenster oder auf die Zinnen der Veste, ohne die grösste Vorsicht zu beobachten. Einmal stand der jüngere Bruder auf der Zinne und sah, wie der ältere die Armbrust spannte; da ergriff auch er seine Armbrust und legte den Bolzen auf. Zu gleicher Zeit schwirrten beide Geschosse von Burg zu Burg und in demselben Augenblicke sanken die Brüder in's Herz getroffen zu Boden. Niemand mochte nach ihnen die Burgen, auf denen der Fluch des Brudermordes lastete, bewohnen; und schnell sanken sie in Trümmer, und erst einige hundert Jahre später bauten die gnädigen Herren und Obern von Solothurn die Oberwartburg wieder auf. Das Schicksal hat es auch gewollt, dass das Altschloss zu Solothurn, das Neuschloss zu Aargau gehört, gerade als müssten beide Vesten zur Strafe getrennt sein für immer.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch