Mutabor Märchenstiftung

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Der Stiefelireuter

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

In frühern Zeiten liess das reiche Kloster Muri seine weltlichen Angelegenheiten durch einen eigenen Vogt verwalten. Diesem Vogt gab es alle sieben Jahr einen frischen Schimmel, auf welchem er die Ländereien des Gotteshauses kreuz und quer durchreiten, säumige Schuldner mahnen, lässige Arbeiter antreiben und überhaupt für das zeitliche Heil seiner geistlichen Herren ein stets offenes Auge haben musste. Dieser Vogt — es war der erste und der letzte, welchen das Kloster anstellte — war ein bös und hässig Männlein. Für das zeitliche Gedeihen hatte er ein stets offenes Auge und eine stets offene Hand und zwar eine mit recht langen Fingern. Dafür war sein Herz verschlossen und fest vernietet und vernagelt wider die Klagen der Armen und die Bitten der Dürftigen. Baten ihn unglückliche Leute um Schonung, zog er seine dicken Brauen zusammen; besonders aber ärgerten ihn die Thränen der Witwen und Waisen. Der Vogt trug stets grossmächtige Stulpstiefel, die ihm bis weit an die Schenkel reichten. Und wenn diese Stiefel in den Bügeln sassen, dann ging der Schrecken vor dem, der sie trug, durch's ganze Land. Die Leute bückten sich hinter die Hecken und die Kinder stoben links und rechts von der Strasse und schrien: Der Stiefelireuter kommt! der Stiefelireuter kommt! Sie hätten ihn eher „Stiefelireuterli" heissen sollen; denn er war klein und „b'ring" von Gestalt, hatte aber einen bedenklich grossen Kopf, grimme Augen, einen starken rothen Bart und einen hässigen verkniffenen Mund. Kurz und gut, der Stiefelireuter war unter den Menschen, was die Scheuche unter den Vögeln. Aber wie man ringsum ihn hasste und fürchtete, im Kloster war er beliebt und angesehen sogar. Hätte der Abt, der ein gar frommer Herr war, einmal den Weg unter die Füsse genommen und nur im Umkreis einer halben Stunde vertrauliche Nachfrage gehalten, er würde schaudersame Dinge über den Klostervogt vernommen haben. Die Leute würden ihm gesagt haben, wie der Vogt sich nicht mit der zehnten Garbe begnüge, sondern handkehrum eine eilste und zwölfte auf den Zehnthaufen werfe; wie er des Nachts das Heu von den Matten stehle, im Vorbeireiten die Scheiterbeigen der Nachbarn verdünnere und in den Baumgärten das Obst aus den Zweigen herunter hole; wie er die Armuth schonungslos aus der verschuldeten Hütte stosse und hilflosen Kranken das letzte Lacken unterm Leibe wegreisse, und wie er gar des ewigen Richters spotte und das Kreuz am Wege anspeie. Die letztere Angabe würde den hochwürdigen Abt ohne Zweifel am meisten überrascht und mit Entsetzen erfüllt haben; denn der Stiefelireuter geberdete sich im Kloster wie die Frömmigkeit selber. Da er beim Abte und Convent von Muri im besten Ansehen stand, wagte niemand, ihn zu verklagen, und sein Unwesen wurde immer grösser.

Jenseits Schongau, auf Luzerner Grund, wohnte eine fromme Person, die in ihren alten Tagen ihr hübsches Bauerngut der Abtei Muri vermachte. Das war dem habsüchtigen Stiefelireuter ganz erwünscht, sogleich ritt er auf jenen Hof hinauf und durchmusterte ihn. Dann trat er in's Haus ein, wo die alle Frau eben bei der Suppe sass, und erklärte ihr, die Besitzung sei für das Kloster nicht sehr von Nutzen, so lange dieselbe noch durch ein kleines, dazwischen liegendes Gütchen unterbrochen werde, das nothwendig mit zum ganzen Bauernhof gehöre. Sie möge zum Frommen des Klosters und ihres eigenen Seelenheils durch einen Beisatz in ihrem Testamente bestimmen, dass dieses Gütchen mit in das Erbe des Stiftes falle. Darüber wurde die Frau so aufgebracht, dass sie von ihrer Suppe aufstand und dem Stiefeli mit kurzen Worten die Thüre wies. Denn eben jenes Gütchen, das nur aus ein paar Wiesen und Äckern bestand, gehörte ihrer Bruderstochter, die hier in einer Strohhütte wohnte. Und gerade in der sorgsamen Absicht, diese verlassene Frau in ihrer ärmlichen Hütte auch später noch geschützt zu wissen, hatte die Schongauerin im Testamente das Kloster zum alleinigen Gutsnachbar ihrer Anverwandten gemacht. Der Stiefeli aber wusste sich hierin zu helfen. Er bemächtigte sich der Pergamentrolle, welche die Schongauer Vergabung enthielt. Und da er sich schon frühzeitig mit Erfolg auf die Nachbildung aller möglichen Handschriften verlegt hatte, so setzte er mit glücklich verstellter Hand zwischen Text und Unterschrift des Testamentes jener Schenkung noch die Worte hinzu: „sammt dem Hüttlein und dem Gute, das bis dahin meines Bruders Tochter inne gehabt hat." Bald kam es nach dem Tode der Stifterin über die verfälschte Urkunde zum Rechtsstreit. Der Stiefeli aber beendigte ihn damit, dass er auf dem streitigen Grundstück den Eid ablegte, „so wahr sein Schöpfer und Richter über ihm, so wahr stehe er auf des Klosters Grund und Boden." Kaum war der Schwur heraus, so stiess er einen furchtbaren Wehschrei aus und wälzte sich in Todeszuckungen auf dem Wieslande herum. Als man ihm die Kleider aufknöpfte, sah man, dass es sein falscher Schwur war, der ihm den Hals gebrochen hatte. In seinem dicken Schopfe fand man Schöpfer und Richter (Löffel und Kamm) versteckt, seine Stiefel aber waren mit Erde aus dem Klostergarten von Muri angefüllt.

Nun ist er zum Landesgespenst geworden, das mit verdrehtem Haupte auf einem Schimmel nachts auf allen Feld- und Waldwegen umherreitet.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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