Die Alp Fählen am Säntis
Einst zog ein Senn mit seinem Sennthum in die Glücksalp; die war an einem See gelegen, dessen grüne Ufer sich lieblich in den klaren Fluthen spiegelten. Er weidete in den sonnenreichen Wochen des Sommers auf der kühlen Höhe mit frohem Muthe seine Heerde.
Als nun beinahe das meiste Gras geätzt war, — es war an einem Freitag im Nachsommer — da kam mit schnellem Sturmeswehen ein furchtbares Gewitter. Die Blitze zuckten wie in nächster Nähe und der Donner brach sich krachend an den Felswänden und rollte dumpf verhallend an dem freiten Gebirgszuge dahin. Die Heerde stand, als bannte sie ein stummer Schrecken, unweit des Sees: da plötzlich brach von Rosslen her ein Bergsturz los. Die Erde erbebte, gewaltige Felsenmassen rollten in den See und mit Schutt bedeckt in einem Augenblicke war der schönste Theil der Alp.
Die Heerde war bis auf zwei Kühe und dem Stier verschwunden. Da wagte es der Senn nicht länger, auf der Höhe zu verweilen. Er hängte den zwei Kühen und dem Stier die drei Semtthumschellen an und zog an dem Gestade des Sees entlang mit diesem kargen Reste seiner Heerde dem Thale zu.
Sein Herz war trüben Muthes, und grollend mit dem Geschicke sprach er: "Ich wollte nur, der Donner schlüge auch diese Drei hinunter in die Tiefe! Es ist doch besser nichts, als solch elender Rest!" Kaum aber war das Wort gesprochen, da löste sich hoch oben ein Felsenstück und warf das arme Vieh zermalmt hinunter in den See. Der Senne stand, als habe ihn der Blitz gerührt; er rieb sich halb betäubt die Stirn und rief: „Do het's mer g'fählt, ond öbel gfählt!" Von diesem Tage heisst die Alp nicht mehr Glücksalp, sondern Fählen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch