Der Karfunkel im Brülltobel
Ein armer Mann von Brüllisau war vor vielen Jahren mit zwei Kühen und einigen Ziegen ins Häldele, eine kleine Gemeinweide im Brülltobel, gezogen, und sömmerte dort die kleine Heerde.
Da kam in einer Nacht ein heftiges Hagelwetter, welches mehrere Stunden anhielt. Nachdem dasselbe sich verzogen hatte, sah der Mann von der Hütte aus im Bache einen lichten Schein, der die Nacht zum Tag erhellte, so dass man in der Hütte, obschon sie mehr den hundert Schritte davon entfernt war, jeden Halm und Span als wie beim schönsten Lampenschein sehen konnte. Erstaunt darüber und zugleich von Furcht ergriffen, getraute er sich nicht, nach der Ursache dieses Glanzes zu forschen, so sehr ihn auch seine Neugierde dazu antrieb, sondern erwartete mit bangem Sehnen den nahen Morgen.
Als nun endlich der Tag anbrach, ging er zum Geistlichen nach Brüllisau und erzählte ihm, was er gesehen, in dem Glauben, derselbe werde ihm das Wunder deuten. Der Pfarrer aber behauptete, dass dieser Glanz nichts Übernatürliches gewesen sei, sondern von dem dort verborgenen Karfunkel herrühre.
Nun eilte der Bauer erfreut an die Stelle, die er sich wohl gemerkt hatte, und hoffte, er werde den Karfunkel augenblicklich aufheben können. Allein vergebens war alles Suchen, vergeblich auch sein Klagen; er konnte ihn nicht finden.
Seitdem hat man den Karfunkel zu verschiedenen Malen mit Sorgfalt gesucht; er ist aber trotz aller Mühe bis auf diese Stunde noch nicht gefunden worden und liegt wohl noch verborgen im Brülltobel.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch