Mutabor Märchenstiftung

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Der beste Locker

Land: Schweiz
Kanton: Appenzell
Kategorie: Sage

Ein Senne sömmerte ein Sennthum Kühe nebst Schweinen und Schmalvieh auf Altenalp, einer fruchtbaren Alpenweide zwischen der Ebenalp und dem Säntis. Er hatte einen Handbuben, den er unmenschlich strenge hielt. Bei Tage, wie auch die halbe Nacht überhäufte er ihn mit strenger Arbeit; allein trotz aller Mühe war's alle Mal nicht recht gemacht. Nur wenig und schlechte Kost bekam der arme Bube und beim geringsten Vergehen hatte er arge Misshandlung zu leiden.

Zu Ende des Sommers fuhr der Senne mit den Kühen heim, die Schweine und Kälber aber sollte der Handbube folgenden Tages zu Thale treiben. Als derselbe abends seine Arbeit vollendet hatte, wollte er in die Hütte gehen, um sein Abendessen zu bereiten und sich dann schlafen zu legen. Aber wie erstaunte er, als er sich der Hütte näherte und sah, dass dort fremde Männer in niegesehner Kleidung ein- und ausgingen und die Sennerei betrieben. Erschrocken wich er zurück und wollte sich ein Nachtlager bei den Kälbern aussuchen. Fort war der Hunger. Die seltsamen Männer aber redeten ihn an und bewogen ihn, in die Hütte zu kommen, wo sie ihm köstliche Speisen vorsetzten und so freundlich waren, dass ihn die Furcht verliess. Nach der reichlichen Mahlzeit legte er sich zur Ruhe und schlummerte sorglos ein.

Am Morgen weckten sie ihn zum Frühstück und legten ihm drei Wahlen vor, nämlich ob er lieber ausserordentlich schön locken, (singen) zaureu (jauchzen) oder wiehelen (den Kühen rufen) können wolle. Er wählte das erste von den Dreien.

Da stand einer von der Gesellschaft auf und legte ihm in jedes Ohr einen Finger, worüber er in Ohnmacht sank; doch als er erwachte, waren die Männer und alles fort. Nun gab er schnell den Thieren ihr Futter und kehrte dann mit ihnen nach Hause zurück, wo er sich bei erster Gelegenheit in seiner Kunst versuchte. Er stellte sich in die Mitte der Wiese, wo das Vieh weidete und fing an zu locken. Siehe, sogleich sprangen alle Kühe heran, bildeten einen Kreis um ihn und horchten auf seinen Gesang. Alle Leute, die ihn hörten, waren darüber nicht wenig erstaunt, und bewunderten und priesen seine Kunst; so schön hatte bisher noch keiner gesungen.

Der schlimme Senne, welcher sehr wohl wusste, dass sein Handbube früher nicht habe singen können, begriff nicht, wie er zu dem seltenen Talente gekommen sei. Neugierig und neidisch fragte er ihn daher, wo er das Locken gelernt habe. Der Bube verhehlte seinem gestrengen Meister auch nicht das Geringste.

Dieser entschloss sich alsobald, das in Altenalp zurückgelassene "G'schifft und G'schirr"  selbst zu holen, um von den fremden Männern auch was zu lernen. Er ging.

Als er aber am andern wie auch am dritten Tage nicht heim kam, besorgten seine Angehörigen, es möchte ihm ein Unfall begegnet sein. Sie schickten den Handbuben auf die Alp, um seinen Herrn aufzusuchen. Aber o wehe! als dieser sich den Hütten von Altenalp näherte, sah er, wie der Körper des Sennen geschunden auf dem Boden lag und seine Haut auf dem Hüttendach zum Trocknen ausgespannt war. Zitternd an allen Gliedern eilte der Erschrockene zurück und erzählte von dem traurigen Schicksale des Sennen. Man sandte die kühnsten Männer in die Alp, den Leichnam zu holen, damit demselben doch wenigstens noch ein ehrliches Begräbnis zu Theil werden möchte. Allein von allem war keine Spur mehr zu entdecken.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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