Mutabor Märchenstiftung

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Die verschneite Alp

Land: Schweiz
Kanton: Appenzell
Kategorie: Sage

Einst in uralter Zeit starb ein reicher Bauer und hinterliess seinem einzigen Sohne nebst vielem Gelde das schönste Sennthum, das man je gesehen, und eine grosse Alpweide hinter dem Messmer, die Grünalp.

Die warme Jahreszeit erschien. Am Hochgebirge schmolz der Schnee und ein junges, frisches Grün schmückte abermals den hohen Bergessaum. Jedem Hirten ward jetzt wohler und freudiger schlug der Puls in der Brust jedes Sennen, wenn er an die lustige Alpfahrt dachte.

Endlich erschien der Tag, an welchem auch unser Jüngling zu Berge fahren wollte. Von seiner Mutter empfing er heisse Segenswünsche; allein er achtete wenig darauf. Den Maienkranz hingegen, mit dem ihm seine Braut den Hut geschmückt, lohnte er überschwenglich und that mit ihm, als wär's ein Heiligthum. Mit Sing und Sang, mit Schall und Klang gings nun der Alpe zu, wo er viel an seine Braut, aber wenig an seine Mutter dachte. Das Beste, was seine Heerde ihm bot, das trug oder sandte er seinem Mädchen zu, die betagte Mutter aber, die ihn von zarter Jugend an gepflegt, liess er hungern und darben. Wenn sie was braucht, kann sie selbst den Berg besteigen, dachte er in seinem verkehrten Sinne.

Einst machte ihm seine Geliebte einen Besuch auf der Alp, da war seine Freude so gross, dass er ihr mit verschwenderischer Freigebigkeit die besten Gerichte, die eine Sennerei zu bieten vermag, zum Essen vorsetzte. Milch und Butter, Rahm und Käse wurden in leichtsinniger Üppigkeit vergeudet. Zuletzt trieb er es im Uebermuthe so weit, dass er seiner Liebsten zu Gefallen, damit beim Umhergehen nicht etwa ihr Fuss sich besudle, den Platz vor der Sennhütte mit grossen, fetten Käsen belegte, wie man in Städten die Hausfluren mit Steinen bepflastert.

Aber siehe, als dieÜbermüthigen im Überflusse schwelgten, da wankt, von der beschwerlichen Alpreise ermattet, eine gebückte Alte zur Hütte heran. Es war die Mutter des Sennen. Sie grüsst, fleht um etwas Speise, ihren Hunger zu stillen; dann sinkt sie auf ein Ruheplätzchen nieder. Der Senn und seine Maid rümpfen die Stirne; Blicke der Verwünschung treffen die Betagte, da sie als Störerin der Freude angesehen wird; dann wird ihr etwas zur Labung gereicht, das man sonst den Schweinen zu geben gesonnen war.

Als die Mutter wieder gehen wollte, bat sie ihren Sohn, ihr doch ein wenig Schotten und Zieger in ihre mitgebrachte Tause zu geben. Doch wehe, was Satan selbst nicht gethan hätte, das thut jetzt der ungerathene Sohn: er füllt die Tause mit Käsewasser, wirft statt des Ziegers Mist hinein und schliesst den Deckel zu. Von einer solchen Mitgabe nichts ahnend, dankt sie dafür dem Sohne und tritt den Rückweg an.

Zu Hause öffnet sie die Tause, findet aber zu ihrer höchsten Verwunderung weder Schotten noch Zieger, auch kein Käsewasser und keine Kuhfladen, sondern frischen Rahm und fetten Käse. Ein Wunder des Himmels hatte ihr den Fluch in Segen verwandelt. Ähnliches soll sich den Sommer über mehrmals wiederholt haben.

Aber auch die Strafe folgte dem Frevel auf der Ferse nach; denn als im Herbst das Gras geätzt und der Tag zur Heimfahrt gekommen war, als die Braut sich zu diesem Feste eingefunden hatte und das Abschiedsmahl auf dem Berge zur Neige ging, als den Kühen die Schellen umgehängt waren und alles Vieh die Ställe verlassen hatte: siehe, da erfüllte ein fürchterlich Dröhnen in der Erde alle Gemüther mit Todesschrecken; da brachte ein grauser Wirbelwind Menschen und Thiere in angstvolle Verzweiflung; da begrub endlich ein noch nie erlebtes Schneegestöber den Sennen, seine Liebste, den Hund und das Vieh viele Klafter tief mit Schnee und Eis.

Seit diesem Tage grünte sie nie wieder die ehedem so schöne Trist, sondern ein ewiger Schnee sollte fortan die Alp bedecken, ein schrecklich Warnzeichen für Kinder, die mit Undank der Eltern Liebe lohnen. Von dieser Zett an lässt alle Samstage die Schellenkuh ein "Blaar", der Stier ein "Breul", der Senn ein "Zaur", die Liebste ein "Blang", der Hund ein "Bell" und die Schelle ein "Glang" ertönen.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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