Der unterirdische Zaubersaal
Ein kräftiger Jüngling näherte sich einst bald singend, bald pfeifend, mit einer Bürde auf dem Rücken, der Burgruine Gutenfels. Auf einmal ward es ihm wunderlich zu Muthe. Was er bis dahin so leicht fortgetragen hatte, wurde immer schwerer und schwerer, so dass er kaum mehr weiter zu schreiten vermochte. Das konnte der muntere Jüngling gar nicht begreifen, wie plötzlich seine Kräfte nicht mehr hinreichen sollten. Er dachte hin und her, und schritt nachdenkend mit der schwerer gewordenen Bürde weiter.
Und wie er seine Augen aufschlug, stand zu seiner Verwunderung ein Burgfräulein in ritterlicher Tracht vor ihm. Es reichte ihm einen Schlüssel dar, der eine bis dahin noch geheimnissvolle Thür öffnen solle, hinter welcher reichlich Geld verborgen liege. Darauf sprach das Fräulein mit lieblicher Stimme: "Hast du leere Taschen, gross und viel? Denn hinter der Burgruine liegt Geld genug, um dich zu einem reichen Erdensohne machen zu können, und dieser Schlüssel öffnet die Pforte zum irdischen Glücke. Komm und folge mir! So lange die Haufen Thaler, die alle von gutem Schlage sind, nicht aus dem dunkeln Schacht der Erde genommen werden, so lange findet mein Geist keine Ruhe im Lande, wo die seligen Geister weilen. Lass das Glück nicht aus den Händen, das dir winkt! Zögere nicht, armer Sterblicher, eine Seele zu retten, die so heiss nach Erlösung sich sehnt!"
Der Jüngling folgte schweigend der unbekannten Schönen, und schon zitterte sein Herz vor Wonne. Und wie er hoffnungsvoll zu den Burgtrümmern kam, winkte ihm das Burgfräulein zu folgen. Sie stiegen eine enge, steile Treppe von Holz hinab, die unter jedem Tritte, so behutsam sie auch traten, ächzte. Unten schloss sich eine eiserne Thüre so knarrend auf, dass darob die Grundmauern der alten zerfallenen Burg erbebten.
Der Jüngling befand sich nun in einem unterirdischen Saal, wo der verblichene Glanz früherer Jahrhunderte ihm von den Wänden und Hausgeräthen entgegenblickte. Die Farben der schweren gewirkten Tapeten, mit Leisten befestigt und einst vergoldet, spielten in's Dunkelbraune. Die breiten Armstühle waren mit vergoldeten Knöpfen und ausgeschweiften, zierlich geschnitzten Beinen, die Polster mit grellen Farben künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den Bildern längst begrabener Schosshündchen geziert. In einer Ecke stand ein alterthümliches Gardinenbett, über welchem ein schwerer Kronleuchter hing, den der Engel Gabriel als Sonne aus den Wolken herabhängen liess. Auf einem morschen, viereckigten, aber künstlich gearbeiteten Tische befanden sich einige köstliche Pokale, auf deren Deckeln die Wappenschilde der ehemaligen Burgbewohner, aus Silber getrieben, angebracht waren. Zwei brennende Leuchter warfen einen magischen Lichtschimmer umher. Aber nirgends zeigte sich ein menschliches Wesen. Überall gänzliche Todtenstille. Kein Fusstritt war hörbar, kein Ton hallte durch die weiten Räume. Das Schlagen der Uhr in der Tasche wurde deutlich gehört.
So stand der Jüngling wie eine steinerne Bildsäule eine geraume Zeit in dem abgeschiedenen Gemache bereit, die versprochenen alten silbernen Thaler in Empfang zu nehmen. Vergebens. Das Burgfräulein, dem er dahin folgte, erschien nicht mehr mit dem silbernen Schlüssel, der das Thor öffnen sollte zu unermesslichen Reichthümern. Zuletzt verschwand der ganze unterirdische Zaubersaal mit all seinen Kostbarkeiten. Damit war auch die Hoffnung des Jünglings dahin. Es war über ihm heiterer Abendhimmel, die Sonne dem Untergange nahe. So bewacht heute noch das Burgfräulein auf Gutenfels die harten Thaler, und noch ist es keinem Sterblichen gelungen, dieselben zu heben.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch