Die Riesen von Iseltwald
Bei Iseltwald am Brienzer See wohnten vor Alters drei Riesen, die gewaltig stark waren, und sich in Wolfs- oder Bärenhäute kleideten. Da entbot ein deutscher Kaiser dem Volke des Oberlandes auf einen Kriegszug zu seinem Heere zu stossen. Es wurden ihm bloss die drei Riesen gesandt, und als er darob zornig ward, versprachen sie auf's theuerste, kaiserlicher Majestät genug zu thun und zu leisten, was ein zahlreiches Volk sonst nicht im Stande sei.
Alsobald begaben sie sich hin zum nah gelegenen Buchenholz und schnitten sich dreischenkeldicke Stämme ab, säuberten sie von allen Ästen und stellten sich mit solcher Wehr in Reih und Glied zu den kaiserlichen Schaaren.
In der Schlacht bewährten sie sogleich, was sie vermochten; denn ihre Riesenkeulen, furchtbar alles niederschlagend, erkämpften schnell den erwünschten Sieg. Da sprach der Kaiser huldreich: "Wählet euch zum Lohne, was ihr möget; es soll mein Dank für eure Dienste sein."
Sie erwiderten: "Kaiserliche Majestät möge uns vergönnen, Ihren Adler auf unserm Banner zu führen, wenn unsere Gemeinde dereinst zu hundert Mann in das Feld zu rücken vermag; auch erlaube uns kaiserliche Majestät, wenn wir zu Land an unserm See des Sommers durstig hinunterwandeln, in den Pflanzplätzen bei Bönigen, auf Reiches Boden, drei Rüben auszuziehen, und eine mit der Hand, zwo im Gürtel davon zu tragen."
Der Kaiser gewährte gnädiglich diese Bitten, und oft am Wege zwischen Iseltwald und Bönigen, wo jetzt der Platz am Stadel heisst, versahen sich die Riesen mit den ausgerissenen Rüben und erquicken sich daran; aber niemals ist ihr angehörendes Völklein von Iseltwald in den Stand gekommen, mit hundert streitbaren Männern zu Felde zu ziehen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch