Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der starke Knecht

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Das Städtchen Erlach liegt am Bielersee und am Fusse des reizenden Jolimonts. Auf dem Schlosse, welches im Jahr 1100 von Bischof Burkhardt von Basel erbaut wurde, wohnten in alten Zeiten allerlei harte Kastellane und später einzelne gestrenge Herren Landvögte, die noch jetzt in üblem Andenken stehen. Einst hauste da ein wahrer Wüthrich, dessen grausames Vergnügen besonders darin bestand, die Dienstboten recht unmenschlich zu quälen. Da war ihm kein Knecht stark genug, von jedem verlangte er übernatürliche Anstrengungen, und wer seinen hohen Anforderungen nicht entsprach, wurde mit Hunden gehetzt oder mit der Peitsche getrieben. Mancher erlag der schweren Last und mancher suchte sich dem unerträglichen Sklavendienste so bald als möglich zu entziehen. Kein Wunder, dass da ein beständiger Dienstbotenwechsel stattfand und manche Flüche des Himmels auf den Unmenschen herabbeschworen wurden.

Einst meldete sich ein landsfremder Knecht bei ihm und trug ihm seine Dienste an. Der Herr mass ihn mit seinem scharfen Blicke vom Kopfe bis zu den Füssen. Hm, dachte er beim Anblick der grossen, breitschulterigen, muskulösen Gestalt, hm, der scheint mir der Rechte zu sein, der soll mir nicht entwischen!

"Bist du auch stark genug?" fragte er den Fremdling. "Gieb mir einen Beweis deiner Kraft! Lass sehen, bist du im Stande, diesen grossen Stein da in die Höhe zu heben?" Und hiemit wies er auf ein gewaltiges, mehr als drei Zentner schweres Felsstück hin, das neben der Schlossmauer lag.

Der Fremde lächelte hämisch, ergriff den Stein mit beiden Händen und schleuderte ihn mit der grössten Leichtigkeit hoch in die Luft, so dass er tief in den Boden zurückprallte. Mit Erstaunen nahm es der Burgherr wahr.

"Topp, du sollst bei mir bleiben und es bei mir gut haben!" sagte er dann zu jenem.

Er nahm ihn sogleich in Dienst und behandelte ihn anfangs wirklich gut; bald aber übte er auch an ihm seine eingewurzelte Bosheit aus. Einst schickte er ihn mit vier stattlichen Pferden in den nahen Voverenwald, um ein grosses Fuder Holz zu holen. Der Knecht belud dort den Wagen gehörig; aber kaum war er von der Stelle gefahren, so standen die zwei vorderen Pferde still und waren nicht mehr vom Platze zu bringen. Da spannte er sie aus, band sie hinten an den Wagen und zog an ihrer Stelle an dem Gespann, so dass es munter vorwärts ging; dies alles nahm sein Herr von der Burg aus mit Verwunderung gewahr. Kaum war aber das Fuhrwerk innerhalb dem Thore der Altstadt, da, wo der Weg erst recht steil und holperig zu beginnen scheint, angelangt, so waren auch die zwei anderen Pferde nicht mehr von der Stelle zu bringen. Was machte nun unser Knecht? Er spannte sie sogleich aus, band sie auf das Fuder und führte die ganze so schwere Last, dass noch heutzutage deutliche Spuren, tiefe Rinnen, in der eigenthümlichen Stadtgasse davon zu sehen sind, in einem Zuge ganz allein bis zum Schloss hinauf. Das war dem Herrn doch zu viel; er sperrte Mund und Augen auf; er hatte Mühe, seine geheime Furcht zu verbergen. Hm, hm! dachte er, das ist ein wenig zu bunt; der Kerl ist stark, er kann mich leicht überwältigen; aber der Teufel soll mich holen, wenn ich ihn nicht binnen vierzehn Tagen aus dem Wege räume.

Schon am folgenden Tage befahl er seinen Knechten und Frohnleuten, einen Sodbrunnen zu graben. Es musste sozusagen Tag und Nacht daran gearbeitet werden; besonders ward auch unser starke Knecht dabei in Anspruch genommen. Als die Tiefe schon ziemlich bedeutend und dieser am Grund derselben eben mit Arbeiten beschäftigt war, befahl der besorgte Herr den oben stehenden Leuten, einen grossen, schweren Stein auf den Gefürchteten in der Grube hinunter zu schleudern; aber siehe, der Stein flog augenblicklich wieder zurück und von unten erscholl es mit höhnischem Spott: "Ha, ha! Ihr wollt mir Sand in die Augen streuen? Lasst das bleiben!"

Erschrocken fuhren die Arbeiter auseinander; der bestürzte Kastellan floh erblassend und zitternd in die Burg, und der seltsame fremde Knecht eilte ihm blitzschnell nach. Von der Stunde an waren beide verschwunden.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch