Ein Zwerglein miethet eine Kuh
Zu einem Bauer, der mit seinem eigenen Vieh auf dem Berge sentirte, kam ein Zwerglein und sprach den Wunsch aus, von ihm eine Kuh zu "dingen" (miethen). Der Bauer dachte, gebe ich dem Zwerglein keine Kuh, ist er im Stande und verlockt mir mein Vieh in die "Falle", so dass am Ende mein Schade grösser ist, als wenn ich ihm entspreche, selbst wenn ich die Kuh nicht mehr zurückerhalte. Aus diesem Grunde wurde dem Zwerglein eine kleine Kuh, die zudem nicht viel Milch gab und also auch nicht viel werth war, für ein Jahr gegeben. Der Zins wurde dem Zwerglein überlassen.
Das Zwerglein nahm die Kuh sofort an die Hand und entführte sie den Blicken des Eigenthümers durch eine "glänzende Fluh", wo sonst kein Mensch einzig, geschweige denn mit einer Kuh, hätte durchkommen können.
Nach Verfluss des Jahres, genau um die nämliche Stunde brachte das Zwerglein die Kuh mit dem Kalbe den gleichen Weg zurück. Die Haare beider Thiere waren ganz glatt, sie glänzten wie Fettigkeit, und es war an ihnen kein Stäubchen zu sehen, so geputzt und gestriegelt waren sie.
Der Bauer, erfreut seine Kuh in einem solchen Zustande zurück zu erhalten, wollte dieselbe dem Zwerglein noch ein Jahr lassen; allein dieses erwiderte, es habe nun für seinen Lebtag Käse genug. Beim Abschiede zeigte das Zwerglein dem Bauer noch an, er finde dann den Zins zwischen den Zehen der Kuh, und als er da nachsah, war zwischen jeder Zehe ein Gerstenkorn.
Der Bauer hob diese Körner sorgfältig auf, um sie den nächsten Frühling auszusäen, damit er sehe, was es für Frucht gebe. Als er dies thun wollte, da waren es blanke Goldstücke, und das Zwerglein hatte ihm also als Zins mehr gegeben, als die Kuh werth war.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch