Mutabor Märchenstiftung

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Das Käslein

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Ein pflichttreuer Ziegenhirt, der sein Mittagessen, wie es Ziegenhirten heute noch gewöhnlich thun, schon lange im Vormittage verzehrt hatte, musste deswegen im Nachmittage, bis er die Ziegen am Abend spät nach Hause bringen konnte, bitteren Hunger leiden. Da erhielt er von einem mildthätigen Zwerglein ein kleines Käslein zum Geschenk, mit dem ausdrücklichen Befehl, dasselbe nie vollständig aufzuessen. Wer war nun glücklicher, als unser Ziegenhirt, der mit seinem Käslein so oft seinen Hunger stillen konnte, als nothwendig war; denn es hatte die Tugend, von einer Mahlzeit zur andern wieder auf die ursprüngliche Grösse anzuwachsen. Es begab sich aber, dass der Ziegenhirt einmal aussergewöhnlich hungrig war und den Befehl des Zwergleins vergass. Es ass das Käslein ganz, ohne den geringsten Rest übrig zu lassen, und es war und blieb verzehrt; denn da kein Rest übrig geblieben war, konnte es nicht mehr nachwachsen. Und von da an musste der Ziegenhirt wieder Hunger leiden, da er es nicht lassen konnte, sein Mittagsbrot schon frühe im Vormittag zu verzehren. Der Ungehorsam des Ziegenhirten ist aber nicht nur an ihm, sondern an allen Standesgenossen bis auf den heutigen Tag bestraft worden; denn keinem Hirten wurde je wieder ein solches Käslein geschenkt, obschon das Sprichwort über das frühe Mittagspeisen der Ziegenhirten noch jetzt Wahrheit ist und jeder Ziegenhirt von dem Nachmittagshunger zu erzählen weiss.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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