Mutabor Märchenstiftung

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Die Bergleutlein im Emmenthal

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Dies sind sehr kleine Leute, schön von Angesicht und von Gestalt. Sie wohnen tief unter der Erde in goldenen und krystallenen Wohnungen und kommen nur selten auf die Erde herauf zu den Menschen. Diese Bergleutlein liebes nur Gutes und Schönes, und fromme, wohlthätige Menschen werden von ihnen belohnt und beglückt. Sie haben sehr verschiedene Namen. Nachtvölklein und Nachtleutlein heissen sie, weil sie sich vor den Menschen nur des Nachts sehen lassen; Bergvölklein, Bergleutlein, weil sie sich tief in des Berges Schoss im krystallnen Tempel aufhalten; Zwerge wegen ihrer kleinen Gestalt. Wenn sie auf die Erde kommen, setzen sie sich oft zu ihren frommen Werken oder zum Gesang in einen Kreis, und lange nachher zeichnet sich dieser Fleck noch durch einen grünen Ring aus. Sehr viele Leute haben schon an kahler Berghalde solche Ringe gesehen, die etwa zwei Klafter im Durchmesser, eine etwa einen Fuss breite Kreislinie haben, die aus dem schönsten kräftigsten Grase besteht, während ringsum alles kahl und dürr ist. Auf einer Seite hat der Ring immer eine zwei Fuss breite Lücke als Eingang.

Von diesen Bergleutlein wird viel Wunderbares erzählt. Bei einem grossen Strohhaufen können sie eine Reiswelle (Reisbündel) anzünden und ein grosses Feuer unterhalten, ohne dass ihnen ein Strohhalm verbrennt, und ein rundes Loch durch einen Strohbund zu brennen, ist ihnen eine Kleinigkeit.

Eines Abends holte ein Mann Wein im Wirthshause für seine kranke Frau. Auf dem Heimwege traf er auf Nachtleutlein; diese fragten ihn, was er da habe. Wein für meine Frau, antwortete er. Sie baten ihn, er möchte ihnen doch zu trinken geben; der Mann entschuldigte sich, dass er nicht genug habe für sie alle. Diese aber drangen heftiger in ihn, mit dem Versprechen, dass für seine Frau noch sehr viel übrig bleiben werde. Da reichte er ihnen seine Flasche hin. Als er diese aber im Kreise herumgehen sah, und jedes der guten Leutlein sehr viel daraus trank, und viel mehr Zwerge da waren als er gemeint hatte, da ward ihm Angst und er glaubte, seine Flasche bis zum letzten Tropfen geleert wieder zu erhalten, dann müsse er gleich wieder nach dem Wirthshause gehen, um sie wieder anzufüllen. Aber es war noch viel Wein darin, als alle daraus getrunken hatten und sie ihm die Flasche zurückgaben. Sie verboten ihm aber sehr, er solle es ja weder seiner Frau noch einem andern Menschen sagen, dass sie daraus getrunken hätten.

Genug, er brachte seinen noch übrigen Wein seiner Frau heim und siehe! seine Flasche war noch voll, und lange, lange Zett trank seine Frau von diesem Weine, und stets blieb die Flasche voll. Endlich aber gefiel die immer volle Weinflasche der Frau nicht mehr recht; sie begann sich zu fürchten vor derselben. Sie drang in den Mann, ihr zu sagen, welch Hexenwerk hinter derselben stecke. Der Mann aber suchte sie zu beschwichtigen, indem er sie auf die Grösse der Flasche aufmerksam machte und sie aufforderte, nur viel zu trinken, die Flasche werde dann schon leer werden. Bald aber ward die Frau voll Misstrauen und wollte keinen Tropfen mehr von diesem so gesegneten Weine. Da entdeckte ihr der Mann das Geheimnis, — und o weh! da ward die Flasche leer, und je fleissiger der Mann nachher hinging, seine Weinflasche füllen zu lassen, desto öfter war sie wieder geleert.

Auch können diese Bergwesen ganz besonders schön singen. Oft sitzen sie auf steilem unzugänglichem Felsengipfel und singen so schön von ihrer luftigen Höhe herab, dass die Leute unten im Thal ganz bezaubert werden und die Engel des Himmels zu hören glauben. Sie sind aber ein wenig stolz auf ihr Singen und lassen nicht Spiel treiben mit demselben.

Ein Bauer hatte einst zwei Knechte, einen Melcher (Melker) und einen Heerdknecht. Der Melcher war ein gar frommer und guter Mensch, behandelte sein Vieh, als wären's Menschen, und fluchte und schwur niemals. Dieser musste nebst dem Vieh im Stalle auch das auf der Sommerweide besorgen. Der Weg zu derselben führte ihn bei einer allen Scheuer vorbei, in welcher sich öfter Bergleutlein aufhielten. Schon manchmal hatte er sie wunderschön singen gehört und oft war er lange gestanden und hatte mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört.

Einst als er sich auch an ihrem Gesang ergötzte, luden sie ihn ein, zu ihnen in die alte Scheuer zu kommen. Er ging hinein und ward entzückt über solchen Gesang, er äusserte aber auch sein Bedauern, dass er nicht singen könne. Die kleinen Sänger aber trösteten ihn und forderten ihn auf, auch mitzusingen. Er versuchte es, und zu seiner grossen Freude konnte er die schönsten Lieder mitsingen. Sie verboten ihm aber, keinem Menschen zu sagen, wo er so singen gelernt habe.

Er ging heim. Arn folgenden Morgen, als er sein Vieh fütterte und seine Kühe molk, versuchte er seine Stimme, und sie hatte eine solche Feinheit und einen solchen Schwung erhalten, dass er die schönsten Weisen singen und jauchzen konnte. Jedermann verwunderte sich, diesen sonst so stillen Melcher nun so bezaubernd singen zu hören. Sein Kamerad aber, der Heerdknecht, war auch ein gar lustiger Bursche, konnte singen und jauchzen, und deswegen war er berühmt bei den Leuten. Daneben war er aber ein sehr wüster Mensch, fluchte gar jämmerlich, beleidigte die Menschen, quälte die Thiere, und trieb sonst alles wüste. Als nun der Melcher so schön singen gelernt hatte, war der Heerdknecht verdutzt. Die Leute wollten nur den Melcher singen hören und rühmten nur den Melcher, des Heerdknechts Singen verspotteten sie. Da ward er traurig und drang heftig in den Melcher, ihm doch zu sagen, wo er so singen gelernt habe. Dieser war aber standhaft. Um keinen Preis wollte er seinen Lehrmeister verrathen. Je mehr er sich weigerte, desto schöner sang er.

Endlich aber, als der Heerdknecht immer zudringlicher ward, und ihm manches Schöne versprach, sagte jener aus, wer ihm die Kehle geöffnet habe. Der Heerdknecht ging hin zum alten Scheuerlein, fand aber keine Bergsänger; denn diese fürchteten sich vor einem so wüsten Menschen. Der Melcher verstummte aber von dem Augenblicke an, da er Verräther geworden war. Wie sehr er sich auch anstrengen mochte, die Triller seiner vorigen Nachtigallkehle glichen immer mehr dem Gekrächze der Raben.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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