Das alte Waldhorn
In der Umgegend von Iseltwald am Ufer des Brienzersees vernimmt man oft ein geisterartiges Klingen, das bald hoch, bald tief wie eine Windharfe schallt. Vor alter Zeit war einst ein Jäger, der sich auf mancherlei verstand, was jetzt nicht ein jeder kann. Doch einst, als er auf der Jagd war, traf ihn der Blitz und zerschmetterte ihm den Arm; da legte er seine Büchse weg und nahm das Waldhorn zur Hand. Bald zog er durch Stadt und Dorf, und blies auf seinem Waldhorn so wie die Amsel singt oder wie der Älpler jauchzt. Wenn irgendwo des Morgens ein Pfarrherr zum Fenster hinausschaute, so blies der Waldhornist die Melodie: "Wach auf, mein Herz, und singe;" ging aber irgendwo im Abendroth ein glückliches Paar durchs Wiesenthal, dann scholl aus seinem Horn ein Abendlied voll Friedens ihnen nach. Doch wenn er irgendwo einen Dieb auf seiner That oder sonst jemand auf unrechten Wegen ertappte, dann gab er unsichtbar ein Signal.
Bald war der Grünrock überall beliebt; wer ihn kommen sah, bot ihm freundlich die Hand, rief ihn zu sich in seine Hütte und gab ihm Speis und Trank.
Einst trat er in später Nacht am Brienzersee in einen Wald und fühlte, indem er noch ein Stücklein blies, sein letztes Stündlein nahen. Nicht weit von ihm stand an seinem Krückenstock ein Bettelmann. Den rief er an und sprach: "Du sollst mein Erbe sein! Da nimm dieses Säcklein voll Geld und den Jesusring — die Braut gab mir einst denselben; — doch gebe ich dir dies nur unter der Bedingung, dass du mich, wenn ich starr und kalt bin, in dem Walde hier, in welchem ich gelebt habe, vergrabest. Mein Waldhorn, das mich durch seine Klänge erfreute und aufheiterte, das grabe, bei meinem Fluch, mit mir ein! Kann ich nach meinem Tode mit Blasen noch etwas thun, so soll, will's Gott, dasselbe bei mir im Grabe nicht müssig sein." So sprach der alte Jäger und starb. Der Stelzfuss begrub ihn.
Und nun erklingt in jenem Walde von Zeit zu Zeit das Horn. Bald schallt es leis und dumpf, fast so wie Bienenchöre, und bald wieder so wie eine Orgel. Oft weht es in heller Sternennacht wie ein Widerhall seewärts, und der Schiffer, der dann nach seiner Heimath rudert, vernimmt's mit Freuden. Öfter klingt es aus der Einsamkeit des Waldes, wenn überall tiefe Stille herrscht; es ist sein Getön aber auch schon vernommen worden, wenn der Donner am Himmel krachte. Die Sennen hören es manchmal, und blasen sie die Schalmei, so lässt das Waldhorn dieselbe Melodie ertönen. Kommt ein ein Dieb in seine Nähe, dann schlägt es seinem Gewissen eine Wunde, die ihn bis zu seinem Tode schmerzt; den Trunkenbold, der durch jene Gegend schwankt, führt es irre und bringt ihn zu Fall; den Bräuten aber bringt es Glück und Jedermann, der ein reines Herz hat.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch