Der Hirt von Mürren
In der Gegend, wo jetzt ein guter Steg über den Sausbach leitet, war einst vortreffliche Weide und der Bachruns noch nicht so tief und noch nicht so breit von den Wellen ausgefressen.
Da hirtete auf dem linken Ufer ein schönes Mädchen von Eisenfluh, und auf dem rechten gegenüber ein wackerer Jüngling von Mürren und beide gewannen sich herzlich lieb. Am Bache stehend sprachen sie gar oft zusammen und über die vorragenden Steine in seinem Laufe hüpfte leicht der rüstige Knabe hinweg zu der guten Schäferin.
Da kam's an einem Tage, dass der Bach gewaltig angelaufen, breiter war als sonst und alle Felsenstücke fortriss oder drohend übertosete. Die Liebenden am Ufer riefen kosend sich mancherlei zu, denn überzuschreiten verbot die augenscheinlichste Gefahr. In allem Scherzen aber fingen die zwei Fröhlichen an mit Rasenstücken sich zu werfen, und kräftig riss der Hirt eine Hand voll aus dem Boden und meinte, es sei alles locker und schleuderte es nach drüben. Er traf das unachtsame Kind an die Schläfe, sah es stürzen und errieth voller Verzweiflung, dass ein Stein verborgen an den Wurzeln der geworfenen Scholle hing. Da stürzte er sich muthig in den Bach und arbeitete kühn nach jenseits und kletterte zu der Geliebten hinauf. Vergebens will er sie beleben, vergebens ruft er hundertmal ihren Namen in das Echo der Klüfte. Sie liegt bleich und bewusstlos vor seinen Augen. Er besprengt sie mit Wasser; sie blickt verzeihend auf, und ihr Athem schwindet.
Da befiel den schuldlosen Hirten unaussprechliche Trauer. Nicht mehr heim wollte er kehren in's väterliche Dorf. Das schöne Mägdlein ward bestattet, wo es hingefallen, und der Hirt erbaute sich ein Hüttchen an dem Grab, blieb lebenslang zur Stelle, harrte früh und spät in heissem Beten aus, und starb nach wenigen Jahren eben da, wo seine Freude gestorben war.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch