Die Entstehung des Kuhreihens
Der Senn auf Bahlisalp im Hasli — Res ist sein Name — hatte seine Kühe gemolken und sie wiederum hinausgetrieben auf des Lägers (Alpenweide) saftiges Grün. Er durfte das wohl wagen, denn am Himmel war ja kein Wölkchen zu sehen und eine milde sternenhelle Sommernacht stand bevor. Da sah Res vor seiner Sennhütte dem Scheiden der sinkenden Sonne zu, und rief dann durch den Milchtrichter seinem Lieb auf der nahen Seealp den Abendgruss und den üblichen Älplersegen zu. Als es finster geworden, ging er seelenvergnügt in den Staffel (die Hütte) hinein, that im Milchkeller noch einen frischen Zug, stieg dann hinauf zur sogenannten Gastern, wo weiches Heu seinen müden Gliedern ein behagliches Lager bot. Bald schloss er seine Augen, doch sollte sein Schlaf nicht lange dauern.
Das Knistern eines Feuers auf dem Herd und das Aufgehen der Thüre weckten den Schläfer. Gleich erhob er sich von seinem Lager und bestürzt sah er, wie drunten drei fremde Gesellen eben den Kessel zur Käsebereitung über das lustige Feuer rückten. Was kommt euch wohl in den Sinn, wollte er fragen; doch fasste er erst die Gesellen besser in's Auge, und die Frage unterblieb.
Am Kessel machte ein übermenschlich grosser Mann, ein Riese, sein Meisterstück. Sein Genosse, eine leichenblasse Gestalt mit goldenen Haaren, trug aus dem Milchgaden die Gepsen voll blanker Milch herbei. An der Feuerplatte aber sass ein grüngekleideter Jägersmann, der gar düster in die Glut blickte und dann und wann schürte und neues Holz zulegte. Res sah von der Gastern herunter entsetzt ihrem Thun und Treiben zu, und doch konnte er kein Auge von ihnen abwenden.
Da zog der Grüne aus seiner Jagdtasche ein Fläschchen heraus, und goss blutrothes Lab in die Milch. Und wie nun der Senn den Brecher nahm, und in dem Kessel umzurühren begann, ergriff der junge, blasse und blondhaarige Knecht ein gewundenes Hom und schritt damit der Thüre der Hütte zu, die sich ihm von selbst öffnete, und trat vor den Staffel hinaus. Gar bald vernahm Res Töne und Weisen, deren er noch nie geahnt, noch viel weniger gehört hatte sein Leben lang. Von langen, gedehnten, tiefen und schwermüthigen Tönen bewegte sich die Singweise, das Lied ohne Worte, fast unmerklich hinauf und hinüber bis zum hellen schmetternden Gejohle, und dann stieg es wiederum herunter zu wundersam ergreifenden und langsam in den fernen Schluchten ersterbenden Klängen. Res hörte es deutlich, wie seine Herde, von den wunderbaren Klängen angezogen, sich dem Staffel näherte, und er fand, dass das Geläute der Kuhglocken und das Klingen der Schellen gar lieblich hineingreife in den frischen Jodler, der ihm so wohl und so weh machte um's Herz und ihm die Augen mit Thränen füllte. Gleich darauf ergriff der bleiche Sänger das Horn und liess die nämliche Melodie durch die sternenhelle Nacht erklingen, nur langsamer und gedehnter als vorhin. Da schien alles lebendig zu werden, rings im ganzen Gebirge herum, Geisterstimmen gaben die Töne von den Fluhwänden zurück, leiser klangen sie nach aus dem dichten dunkeln Tann, und Engelschöre schienen sie hoch aus den Lüften herab nachzuflüstern. Dann trat er mit seinem Horne wieder in die Hütte zurück.
Der riesige Senn war mit seinem Geschäfte unterdessen fertig geworden. Er schöpfte die Schotte in drei bereitstehende Gepsen heraus. Aber sonderbar, in der einen Gepse erschien sie roth wie Blut, in der zweiten grün wie Gras, in der dritten aber weiss wie frisch gefallener Schnee.
Allein Res blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern; denn plötzlich rief der grosse Senn mit fürchterlicher Stimme zu ihm herauf: "Steig' jetzt herunter, Menschenkind! Du sollst dir eine Gabe wählen!" Dem armen Res gingen diese Worte durch Mark und Bein, und er zitterte wie ein Espenlaub. Da winkte dem Bebenden der Blasse, er möchte wohlgemuth herunterkommen. So fasste sich denn Res ein Herz und stieg hinab zu den drei Männern.
Sie führten ihn vor die drei gefüllten Gepsen hin. Da nahm der Grosse das Wort und sprach mit einer Stimme, die wie ein Harsthorn ertönte, zu dem Hirten: "Sieh, aus einer dieser drei Gepsen musst du trinken, du darfst wählen aus welcher, aber überlege dir's wohl, wenn ich dir rathen kann. Die rothe Gepse da ist meine Gabe. Trinkst du daraus, so erhältst du die Kraft und Gewalt eines Riesen und beherzten Muth dazu, und kein Mensch wird dir widerstehen können auf Erden. Obendrein gebe ich dir noch hundert schöne rothe Kühe, die morgen früh auf deiner Alp weiden sollen. Greif zu, Bübchen!"
"Thu einen Zug aus der grünen Gepse," sagte darauf der Grüne, "und ich biete dir runde, harte, blanke Thaler und rothes, klingendes Gold. Hör einmal, welch lieblichen Klang es hat!" Und damit schüttelte er einen mächtigen Haufen Silberstücke und funkelnder Goldstücke dem Hirten vor die Füsse, der erstaunt den reichen Schatz betrachtete.
Indess stand der Blasse ruhig auf sein Alphorn gelehnt da, und sprach dann mit lieblicher Stimme: "Trinkst du aus der weissen Gepse, so wirst du am Morgen früh singen und jodeln und dieses Alphorn blasen können, ganz wie du es von mir gehört!"
Da rief Res: "Nun denn, ich verzichte auf übernatürliche Kraft und Gewalt so wie auf die goldenen Schätze, und wähle dein Lied und dein Alphorn, und trinke aus der weissen Gepse." Damit hob er sie leicht an seinen Mund empor und trank. Es war nichts anderes, als frische würzige Milch in dem Gefäss enthalten.
"Du hast gut gewählt," sagte der Blonde, "wäre deine Wahl anders ausgefallen, du wärest ein Kind des Todes gewesen, und viele hundert Jahre wären verflossen, bis ich meine Gabe den Menschen wiederum hätte bieten dürfen. Nimm also hier dieses Alphorn und morgen früh kannst du gleich gut singen und blasen wie ich."
Da verschwanden die drei, das Feuer auf dem Herd erlosch, und Res fühlte sich von unsichtbaren Händen auf sein weiches Lager hinaufgehoben.
Als er früh am Morgen erwachte, lag neben ihm das Alphorn, und wie der Blonde gesagt. so war es. Res begrüsste mit munterem Gejohle des Kuhreihens und mit den gedehnten Klängen seines Hornes den jungen Tag und Röschen, sein Lieb. Und gar bald antworteten dem Hirten nicht nur die dunkelschattigen Tannenwälder und die braunen Fluhwände, sondern der Kuhreihen erklang auch, von Röschens frischen Lippen gesungen, von der Seealp herüber. Die trauerhafte Melodie aber, das Jodeln und das Alphornblasen, vererbte sich auf die folgenden Geschlechter bis auf den heutigen Tag.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch