Die güldene Schelle
Auf der Sulsalp fand einst ein Hirt einen kunstreich geformten Schlüssel, der ihm die Thüre zu einer früher nie gesehenen Höhle des Berges öffnete. Im Innern blendete ihn der Glanz der kostbarsten Steine, und eine Jungfrau, die seit mehr als hundert Jahren hier ihrer Erlösung geharret, bot ihm drei Gaben zur Auswahl an: einen Hafen (Topf) voll Geld, eine güldene Kuhschelle oder sich selbst nebst allem Uebrigen. Da kam ihm sein Bethli (Elisabeth) in den Sinn, und er wählte die zweite Gabe. Ergrimmt darüber kündigte ihm die Jungfrau Fluch und Schande an. Unter dem Krachen der Gewölbe ward er von unsichtbarer Macht hinausgeworfen, und draussen auf dem Rasen fand er die güldene Schelle neben sich liegen.
Ruhelos wanderte er in die weite Welt. Da kam er einst zu einer einsamen Hütte, vor welcher ein altes Männchen Holz spaltete. Als ihm von dessen Vater die Nachtherberge gewährt worden, ist er in die Hütte getreten. In derselben traf er ein steinaltes gekrümmtes Männchen, hinter dem Tische sitzend an. Diesem musste er seine Schicksale erzählen, und als er geendet hatte, erhob sich der Alte und sagte zu ihm: "Gastfreundschaft halte ich heilig, das ist dein Glück! Ich beherberge dich diese Nacht, aber morgen in aller Frühe packe dich wieder fort. Dir ward Gelegenheit vergönnt, der Retter meiner Tochter zu werden, und du hast sie, vielleicht auf ewig, unglücklich gemacht!"
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch