Mutabor Märchenstiftung

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Der Ritter von Grimmenstein

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Unweit Burgdorf liegt an der Strasse nach Langenthal das Dorf Wynigen, in dessen Umgegend man noch heute Reste von römischen Gebäuden findet. Nahe dabei erhebt sich ein steiler Hügel, auf welchem sich die Ruinen des alten Schlosses Grimmenstein befinden. Nachdem es von den Herren von Grimmenstein an die von Römoos übergegangen war, wurde es im Jahre 1383, als die Berner und Solothurner den Grafen von Kyburg bekriegten, von den tapferen Städtern belagert, eingenommen und zerstört.

Der letzte Ritter von Grimmenstein, welcher um das Jahr 1300 gelebt haben soll, war der leidenschaftlichste Jäger weit und breit. Selbst an Festtagen rastete er nicht. Eines Sonntags, als der Ritter wiederum auf die Jagd ausziehen wollte, trat seine Gattin an ihn heran und bat ihn dringend, daheim zu bleiben. Der Sturm tobe und wüthe so sehr und man müsse fürchten, dass die Geister des Waldes wach seien, sagte sie; auch sei sie letzte Nacht von einem fürchterlichen Traum gequält worden. Denn in demselben habe der Ritter einen grossen, schönen Hirsch mit drei Jungen gejagt und dann plötzlich sie, seine Gattin und seine drei Söhne erschossen. Der Ritter aber verlachte die Mahnung der geängsteten Frau. "Eh' ich heute raste," rief er, "geh' ich in Tod und Grab!" Und mit diesen Worten ritt er von dannen, und mit lautem Jubelrufe folgten Jäger und Knappen.

Mehrere Stunden waren vergangen und viel Wild war schon von Herrn von Grimmenstein erlegt worden, aber noch immer fehlte der von ihm so sehr gewünschte Hirsch. Plötzlich zog sich die Jagd auf eine lichte Stelle im Walde, welche mit schönem blumigem Gras bedeckt war und auch klares frisches Wasser bot. Hier weidete eine grosse schöne Hirschkuh mit drei Jungen. Sogleich griffen die jungen Hunde an; die Hirsche flohen nicht, sondern die Hirschkuh stellte sich vor die Kleinen, sie zu schützen und zu schirmen, und wehrte furchtbar stöhnend die Hunde ab. Dennoch waren die Weichen der Jungen bald zerfleischt, und in wenigen Minuten auch die Thierlein durch wohlgezielte Schüsse mit der Armbrust gefällt. Länger hielt die Hirschkuh Stand; aber auch sie fiel durch das Geschoss des unerbittlichen Ritters, und ihr Blut röthete den Rasen.

Da stieg plötzlich aus der Erde ein Riese hervor, der Berg- und Waldgeist, welcher das unschuldige Wild beschützt. Hohnlachend rief er: "Nur gemach, die Hirschlein sind schon gerächt!" Und damit verschwand er und Hirschkuh und Junge mit ihm. Vor Schrecken erstarrt standen die Jäger. Endlich ermannte sich der Ritter und ritt zu seiner Burg zurück. Zögernd trat der Herr von Grimmenstein in das Gemach seiner Gemahlin; an der Seite ihrer drei Söhne lag sie da, todt und von Pfeilen durchbohrt. Der eigene Gatte hatte sie und seine hoffnungsvollen Kinder gemordet, freilich wider seinen Willen. Schweigend küsste er die theuern Leichen; dann stiess er sich selbst das eigene Schwert in die Brust und sühnte so die Schuld des Jagdvergehens.

Zerfallen liegt nun Grimmenstein, die Burg des wilden Jägers. Bricht aber Krieg oder Pest in das Land herein, so steigt der Ritter aus seinem Grabe. Dreimal stösst er kräftig in sein Horn und fährt dann brausend und tobend durch die Luft, indem er die schreienden Knappen und die heulenden Hunde mit lautem Hufschlag ruft. Eine schöne Hirschkuh mit drei Jungen eilt flüchtig vor ihm her, und der Bauer wirft sich angstvoll mit dem Gesichte auf die Erde, wenn er sie herankommen sieht.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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