Der unglückliche Jäger am Schreckhorn
"Gott im Himmel! wie wettert es! Jonathan, du gehst heute nicht auf die Gemsjagd. Sieh, wie es regnet, und horch, wie der Donner kracht und der Wind heult!" Aber ach, Jonathan achtet nicht auf das Wetter, und nicht auf die Reden seines bekümmerten Weibes; die Gemsjagd, bei ihm zu grenzenloser Leidenschaft gestiegen, reisst den Unglücklichen hinauf in die wilden Gebirge. Er nimmt seine Richtung gegen den Mettenberg, auf welchem er, indem er durch das Fernohr blickt, bald ein Rudel Gemsen gewahr wird. Er fängt an, dasselbe zu beschleichen; aber bevor er sich demselben auf gehörige Distanz genähert hat, nimmt es seine Flucht gegen das kleine Schreckhorn. Jonathan schleicht ihm nun von neuem nach, und an dem südwestlichen Abhange desselben erspäht er es zum zweiten Male. Jetzt legt er sich nieder, rutscht vorwärts auf dem Bauch, und erreicht die Gemsen glücklich auf eine Schussweite. Jetzt schlägt er seinen Stutzer an, zielt, drückt los und der Schuss donnert. Die Fuhrgeiss stürzt nieder, aber im gleichen Augenblick stürzt auch Jonathan. Die zweifach oder vielleicht dreifach überladene Büchse giebt ihm einen furchtbaren Stoss, er verliert das Gleichgewicht und gleitet über die steile Felswand hinab auf einen Fluhsatz, hält aber seinen Stutzer auch im Fallen fest am ledernen Riemen. Er sucht sich wieder zu retten, aber es ist unmöglich, den Fluhsatz zu verlassen, denn unter ihm öffnet sich ein schauriger Abgrund, neben ihm und über ihm erhebt sich die glänzende Fluh. Im allertraurigsten Zustande bringt er dort zwei Tage und zwei Nächte zu. Endlich beschliesst er, seinem Leben selbst ein Ende zu machen, zeichnet den Vorgang und sein Vorhaben mit Bleistift auf ein Stück Papier, schleudert dieses über den Felsen hinaus, ladet dann noch einmal sein Jagdgewehr, und schiesst sich die Kugel in den Kopf, indem er mit dem Zehen den Hahn losdrückt. Erst nach zwei Monaten fanden Gemsjäger das überschriebene Papier; nicht weit davon lag Jonathans Leiche, unkenntlich und schrecklich zerschmettert. Oft, erzählt die Sage, wenn ein Gewitter im Anzuge ist, vernehme man am Schreckhorn ein Knallen, ähnlich dem Krachen eines Schiessgewehres, worauf ein Rauschen und Stöhnen hörbar werde, nicht unähnlich dem letzten Röcheln eines Sterbenden.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch