Mutabor Märchenstiftung

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Rieggis-Pfad

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Ein Mann, der Rieggi hiess, war ein leidenschaftlicher Jäger. Wo er ein Gemsthier wusste, ruhte er nicht, bis er es erlegt hatte. Sein eigenes Leben setzte er so oft auf's Spiel, so oft er eine Gemse zu erlegen hoffen konnte. Bereits hatte er das neunundneunzigste Thier geschossen, und die in der Gemsenjagd so verhängnisvolle Zahl "Hundert", wo dem Jäger eine weisse Gemse als Warnung erscheint, war erreicht. Eine neue Jagd führte ihn in's G'sür, diesen mächtigen Gebirgsstock zwischen St. Stephan und Adelboden, welcher nicht mit Unrecht die Mutter der Thiere genannt wird. Da, wo sich das Rothhorn gegen die Grimmialp abdachet, zeigte sich ihm ein gewaltiger Bock. Obschon derselbe ganz weiss war, fachte er seine Jagdlust so heftig an, dass er die Warnung in den Wind schlug, und denselben bergauf bergab so rastlos verfolgte, dass er am Ende in seiner blinden Leidenschaft von menschlichen Pfaden weit abkam, und weder vorwärts noch rückwärts kommen konnte. Da rief ihm eine Stimme in vorwurfsvollem Tone zu: "Rieggi, warum verfolgst du meine Geissen, die mich mit Milch und- Käse versorgen? Rieggi! Rieggi! nimm den Hut vor deinen Kopf, damit du nicht siehst, wie hoch du fallen musst!" und damit stürzte er in den Abgrund. Die Stelle wird "Rieggis- Pfad" geheissen bis auf den heutigen Tag.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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