Der Gemsjäger
a. Alte Eltern hatten einen ungehorsamen Sohn, der nicht wollte ihr Vieh weiden, sondern Gemsen jagen. Bald aber ging er irre in Eisthäler und Schneegründe: er glaubte sein Leben verloren. Da kam der Geist des Berges und sprach zu ihm: "Die Gemsen, die du jagest, sind meine Heerde; was verfolgst du sie?" Doch zeigte er ihm die Strasse; er aber ging nach Hause und weidete sein Vieh.
b. Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat, und indem er weiter emporklomm, weiter, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein hässlicher Zwerg vor ihm, der sprach zornig: "Warum erlegst du mir lange schon meine Gemsen, und lässest mir nicht meine Heerde? Jetzt sollst du's mit deinem Blute theuer bezahlen!" Der Jäger erbleichte und wäre bald hinabgestürzt, doch fasste er sich noch und bat den Zwerg um Verzeihung, denn er habe nicht gewusst, dass ihm diese Gemsen gehören. Der Zwerg sprach: "Gut, aber lass dich hier nicht wieder blicken, so verheiss ich dir, dass du jeden siebenten Tag, Morgens früh, vor deiner Hütte ein geschlachtetes Gemsthier hangen finden sollst, aber hüte dich und schone mir die andern." Der Zwerg verschwand und der Jäger ging nachdenklich heim, und die ruhige Lebensart behagte ihm wenig. Am siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Ästen eines Baumes vor seiner Hütte, davon zehrte er ganz vergnügt, und die nächste Woche ging's ebenso und dauerte ein paar Monate fort. Allein zuletzt verdross den Jäger seiner Faulheit, und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg er auf, und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er eben losdrücken, da war der Zwerg hinten hergeschlichen und riss den Jäger am Knöchel des Fusses nieder, dass er zerschmettert in den Abgrund sank.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch