Der erzürnte Berggeist
Unweit Charmey im Greyerzer Lande ragt die Hochmatt hervor, von deren Gipfel die Aussicht noch ausgedehnter und prachtvoller ist, als vom Moléson. Hoch oben an diesem Berge an einer steilen, gefährlichen Stelle liegt die Eccojalaz-Alp, die man mit der Herde nur im höchsten Sommer bezieht.
Nach der Aussage der Hirten hütete hier früher, aber allen unsichtbar, ein Berggeist die Kühe, und schützte sie besonders während der Nacht vor Schaden. Aus Erkenntlichkeit dafür füllte ein Senn jeden Abend eine hölzerne Schüssel mit süssem Rahm, und stellte sie auf des Staffels Dach. Am andern Morgen fand man sie dann allemal leer und gereinigt, wie gefegt und gewaschen.
Ein Knecht unterliess es eines Abends, die Schüssel zu füllen, weil ihn der Rahm reute und weil er über diese Gewohnheit ungläubig spottete. Statt der gewöhnlichen süssen Speise that der Knecht daher Kehricht in den Napf. In der Nacht aber rüttelte ihn eine unsichtbare Kraft unsanft auf. Unter heftigem Gepolter rief man ihm zu: "Geh, unflätiger Geselle, schleif und wetze Messer und Beil, du kannst sie brauchen; denn elf Kühe sind am steilen Felsen verunglückt und liegen erschlagen in der Tiefe!" Darauf folgte ein Blitz und Donnerschlag, und der Knecht sah durch eine Ritze des Daches eine scheussliche Gestalt, die ihn drohend angrinste. Ein Donnerschlag, noch stärker als der erste, erschütterte den Staffel, worauf die Erscheinung verschwand. Der Knecht raffte sich nun auf, tappte auf seinem Heuboden umher, und fiel hinunter in die Küche. Dort blieb er, an allen Gliedern gelähmt, bis zum Morgen liegen. Als die andern Sennen mit den ersten Sonnenstrahlen erwachten, hörten sie die Unglücksgeschichte und vermissten wirklich elf der besten Milchkühe, die todt in der Felsklust lagen.
Der Berggeist kehrte von da an nicht wieder zurück, und nach sieben Tagen starb der Knecht.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch