Die Linde zu Freiburg
Nachdem die Eidgenossen Karl den Kühnen bei Murten auf's Haupt geschlagen hatten, entsandte der Hauptmann der Freiburger einen Jüngling von da mit dem Auftrage, so schnell als möglich zu laufen, um der geängsteten Vaterstadt die Freudenbotschaft des Sieges zu überbringen. Der Jüngling hatte soeben in frohem Siegesgefühle seinen Hut mit einem grünen Lindenzweige geschmückt. Folgsam eilte er in der Glut der heissen Junisonne in gestrecktem Laufe nach Freiburg, welche Stadt drei Stunden von Murten entfernt ist. Als er daselbst athemlos auf dem Rathhausplatze ankam, steckte er seinen Spiess in die Erde, lehnte sich daran, und rief: „Sieg! Sieg!" Dann sank er zusammen und war todt. Man nahm den welken Lindenzweig vom Hut des Jünglings, und grub ihn da, wo er seine Augen schloss, in die Erde. Und das Reis gedieh, und wurde zu der gewaltigen Linde, deren morscher Stamm noch jetzt auf dem Rathhausplatze steht.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch