Mutabor Märchenstiftung

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Der Hafersack

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Zaubermärchen

Es war einmal ein Mann, der war jung in den Krieg gezogen und kam erst als alter Mann zurück. Von seinem Dienst waren ihm nur die Schrammen und Narben geblieben, dazu ein leerer Hafersack und ein paar Münzen.

Aber er war nicht der Einzige, der an diesem heissen Tag auf der Strasse unterwegs war. Am Waldrand kam ihm einer entgegen, der noch magerer war als er und um eine milde Gabe bat.

Da holte der alte Mann die Hälfte seiner Münzen hervor und drückte sie dem Armen in die Hand. 

Nach einer Weile begegnete ihm einer, der sah noch armseliger aus und streckte ihm bittend die Hand entgegen. Da griff der alte Mann nach den letzten Münzen und gab sie ihm.

Der Arme sprach: «Du hast ein gutes Herz, das soll belohnt werden. Denn der erste Bettler war Petrus, ich aber bin Gott und will dir einen Wunsch erfüllen.»

Der alte Soldat überlegte nicht lange und sagte: «Ich wünsche mir, dass ich jeden in meinen Hafersack zaubern kann.»

«So soll es sein», sprach Gott und verschwand.

Der alte Mann ging weiter durch den Wald. Gegen Abend kam er zu einem verlassenen Schloss. Er trat ein und sah einen Tisch, der mit den wunderbarsten Speisen gedeckt war. Er setzte sich und ass, bis er satt war. Dann legte er sich auf ein Bett und schnarchte bald schon zufrieden.

Um Mitternacht aber zog ihn jemand am Bart. Der Soldat erwachte und brummte ärgerlich: «Ab in meinen Hafersack!», dann schlief er weiter.

Am nächsten Morgen verliess er das Schloss und kam zu einer Schmiede. «Woher kommst du?», fragte der Schmied. 
«Ich war in dem Schloss», erzählte der alte Soldat, «aber es war niemand da, nur um Mitternacht hat mich jemand am Bart gezupft.»

«Du hast Glück, dass du noch lebst», rief der Schmied, «in dem Schloss wohnt der Teufel.»

Da erinnerte sich der alte Soldat an seinen Hafersack, hielt ihn dem Schmied hin und sagte: «Hau mal fest drauf.»

Der Schmied nahm seinen grössten Hammer und schlug mit aller Kraft auf den Hafersack ein, bis er ganz platt war. Dann schauten sie hinein, und heraus kam ein Teufel, der stöhnend und hinkend davonrannte.

So erlebte der alte Mann mit seinem Hafersack noch einige Abenteuer. Aber nach einem Jahr starb er und stand kurz darauf vor dem Himmelstor. 

Petrus öffnete und sagte: «Du hast im Krieg gedient und Tod und Verderben gebracht. Wir können dich nicht in den Himmel lassen.»

Da ging der Soldat in die Hölle und klopfte an das Tor. Doch kaum hatten ihn die Teufel gesehen, schrie einer: «Den lassen wir nicht herein, sonst haut er uns alle platt.»

Also stieg der alte Mann wieder in den Himmel hinauf und klopfte zum zweiten Mal an.

Petrus aber fing an, die Sünden aufzuzählen, die der Mann begangen hatte. Alles Fluchen, Schimpfen, Bitten und Betteln half nichts. Petrus wollte schon die Himmelstür schliessen, da fiel dem alten Mann der Hafersack ein.

Mit einem Ruck warf er den Hafersack durch das Himmelstor und wünschte sich mit einem lauten «Ab in den Hafersack» gleich selbst hinein.

So fand der alte Mann doch noch den Weg in den Himmel, und seither spaziert er dort herum, und manche sagen gar, er sei ein Heiliger geworden.

Fassung D. Jaenike, aus "Die Quelle der Weisheit" © Mutabor Verlag