Mutabor Märchenstiftung

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Die Magdalenenkirche in Genf

Land: Schweiz
Kanton: Genf
Kategorie: Sage

Die Magdalenenkirche in Genf ist ein uraltes Gebäude, welches jetzt ziemlich mitten in der Stadt liegt am nördlichen Abhange des Hügels, auf welchem sich das altburgundische Genf erhob. Im früheren Mittelalter befand sich diese Kirche noch ausserhalb der Ringmauern, mit welchen König Gundebald die Stadt umgeben haben soll. Bis in jene Gegend soll der See gereicht haben, obgleich heute der Standort der Kirche sich beträchtlich über den Spiegel des Sees erhebt, dessen Ufer gegenwärtig durch eine Reihe von Strassen und Plätzen von ihr getrennt ist.

Als nun in grauer Vorzeit die Magdalenenkirche erbaut werden sollte, da lebte eine fleissige Spinnerin, Maria Magdalena, schlecht und recht. Diese fromme Frau vermachte alles, was sie im Schweisse ihres Angesichtes mit ihrer Hände Arbeit verdient hatte, so viel oder so wenig es war, zum Bau der Kirche. Deshalb brachten die Bauleute, welche den Werth der Gabe nach der Absicht der Geberin und nicht nach dem Metallgewicht wogen, überall, am Anfange der Spitzbogen, wie am Schluss des Gewölbes, zierlich aus Stein gemeisselte Spinnräder an, um das Andenken der frommen Stifterin dankbar zu ehren. Das Volk aber feierte alljährlich ein Erinnerungsfest, wobei Maria Magdalena als eine spinnende weibliche Figur dargestellt wurde, welche man in Prozession unter Absingung eines Liedes herum trug. Dieses Fest ist bis auf uns gekommen. Noch alljährlich findet am Magdalenentage (22. Juli) eine Beleuchtung der Häuser und des Brunnens der kleinen Place de la Madelaine statt, an der die Kirche gelegen ist. Auch die Magdalenenpuppe wird noch an demselben Tage durch die Strassen des gleichnamigen Stadtviertels, gewöhnlich unter Fackelbegleitung, getragen und dazu in eintöniger Melodie die Worte gesungen: "Tiens bon, Marie Madelaine, tiens bon, Marie Madelon!" ohne Zweifel der allein erhaltene Schlussvers des alten Liedes.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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