Das Glücksschiff
Vor Zeiten erzählte man an den Ufern des Genfersees viel von einem Schiffe, das leuchtend wie die Scheibe des Mondes und von acht weissen Schwänen gezogen, sich auf seinen Wellen gezeigt haben soll. In dem Schifflein, das unter lieblichen Tönen, gleich denen einer Harfe, sich dem Ufer bald näherte, bald wieder von ihm entfernte, stand eine weissgekleidete, hohe, wunderschöne Frauengestalt, umgaukelt von einer Schaar zarter Kindergestalten, geflügelt gleich den Sylphiden oder Engeln. Wo aber das Schifflein das Ufer berührte, da prangte rings die Flur den ganzen Sommer hindurch in der üppigsten Fülle und sprossen die Blumen in duftiger Pracht wie nirgends sonst. Glück aber wem diese Erscheinung zu Theil ward, die Erfüllung des Wunsches, augenblicklich im Herzen gehegt, war die stete Folge solcher Begegnung. Dieses glückbringende Schiff ist jetzt leider vom See verschwunden, kaum noch, dass hie und da ein alt Mütterchen seiner erwähnt, wenn es von der Rosenzeit seiner Jugend erzählt, als noch ein sehnend Verlangen ihren Busen geschwellt und wie sie damals in mancher Nacht nach dem Schifflein geschaut, damit das junge Herz Befriedigung finde.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch