Mutabor Märchenstiftung

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Die Jungfrau auf dem weissen Rosse

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Wenn man über den hohen Gebirgspass Bernina nach Puschlav wandert, so gelangt man am südlichen Bergabhange nicht weit oberhalb Pischiadello an eine Stelle, wo in alter Zeit ein Dörfchen, Namens Zarera, stund. Man nennt den Ort "die Rüfe;" von Gebäulichkellen sind keine Spuren mehr zu finden. Die Einwohner von Zarera waren, so erzählt die Sage, böse, gottlose Leute, welche sich von den Säumern und andern Reisenden, die mit ihren Pferden dort durchzogen und einkehrten, auf unredliche Weise bereicherten. Da sah man mehrmals zur Nachtzeit eine Jungfrau auf einem Schimmel um das Dorf herum reiten und hörte, wie sie laut die Einwohner von Zarera warnte, und ihnen zurief Busse zu thun. Die Zarerer aber blieben bei ihrer verdorbenen Gesinnungsart, und da erging über sie ein grosses Strafgericht. Es sammelten sich dichte, schwarze Wolken am Himmel, der Blitz zuckte, der Donner rollte, der Regen fiel in Strömen. Die Bergbäche schwollen an und rissen die gewaltigsten Baumstämme und Felsblöcke mit sich fort. Es war eine schauerliche Nacht, da jedermann sich bekreuzte, und als der Morgen graute, war Zarera nicht mehr. Alle Einwohner haben den Tod in den Fluten und unter den Trümmern gefunden. Einzig eine alle Mutter und ihre Tochter blieben verschont. Sie machten eine Ausnahme von den Übrigen, waren gottesfürchtig und freuten sich, wenn sie ihren Nächsten und den Reisenden dienen konnten. Ein Windstoss trieb sie fort bis ausser den Bereich der angeschwollenen Rüfe, und sie blieben am Leben.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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