Mutabor Märchenstiftung

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Der Cyprian

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Vor Zeiten war Cyprian* in den Graubündner Alpen ein saftiges, milchreiches Kraut, welches die Kühe gern frassen, und in den Alpen, wo es reichlich vorhanden war, gaben die Kühe so viel Milch, dass man sie dreimal im Tage melken musste.

Da klopfte einmal ein Weib müde und durstig an einer Sennhütte an und bat um einen Trunk Milch. Der Senn aber, ein hartherziger und böser Mann, weigerte sich, ihr auch nur einen Tropfen zu reichen, und als sie mit Bitten in ihn drang, wies er sie aus der Hütte und schlug scheltend und fluchend die Thüre hinter ihr zu. Das Weib sank draussen auf einen Stein nieder, zu schwach, um ihren Weg weiter fortzusetzen, und rief die Rache des Himmels an, er möge alle Kräuter, Cyprian, Gras, Laub, überhaupt alles was grün ist und Milch gibt, auf Spitzen und Bergen verdorren lassen. Da rief eine Stimme von oben:

"Den Cyprian, den will 'der lan, Laub und Gras, das loss mer stan."

So blieben Laub und Gras und alle andern Kräuter bewahrt aber der üppige Cyprian schmurrte von Stund an zu einem dürren, saftlosen Moos zusammen, das die Kühe nicht anrühren. Noch sieht man am Cyprian deutlich die weissen Adern, welche ehemals Milch enthielten, sie sind aber vertrocknet und fliessen nicht mehr.

* Renntierflechte, Cladonia rangiferina.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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