Die Quelljungfer
Am Fusse des majestätischen Calanda über dem Dorfe Haldenstein bei Chur steht die Ruine der Burg gleichen Namens. Sie ist grösstentheils zerfallen, ein Theil ist mit dem Felsen, auf dem er stund, in die Tiefe gestürzt. Unweit von der Ruine sprudelt eine reiche Quelle mit herrlichem Wasser. Dort sah man zu Zeiten eine weibliche Gestalt in einem schneeweissen Gewande neben der Quelle sitzen, und sich am goldenen Strahle der Mittagssonne sonnen.
Ein Jäger kam einmal zu dieser Quelle, und sah die weisse Jungfrau, die kläglich wimmerte, an dem Brunnen sitzen. Sie bat ihn, er möchte ihr doch, um sie zu erlösen, seine wärmende Hand bieten. Der Jäger fasste muthig die Hand der Jungfrau an, die war aber eisig kalt, dass es ihm schaurig durch den ganzen Leib fuhr, doch er hielt die Hand fest.
Da erschien plötzlich ein graues Männchen, das trug ein Demantkörbchen gefüllt mit glühendem Golde. Das Männchen hielt das schimmernde Körbchen hoch empor, und winkte ihm fort, aber der Jäger liess die Hand nicht los. Da leuchtete in trunkener Freude das Gesicht der Jungfrau, und sie sprach: "So trog ich mich nicht! Du hast mir die Hand gehalten! Nun nimm zum freundlichen Danke das Demantkörbchen voll Gold!" Und sie reichte es ihm, und verschwand.
Die weisse Jungfrau von Haldenstein heisst auch die Quelljungfer, die Seele des Brunnens, die dem Wasser Kraft verleiht, Kranke zu heilen. In früheren Zeiten wallten viele zu der Quelle, und vielen schenkte sie die verlorene Gesundheit wieder. Die Quelle fliesst heute noch so klar wie vor Jahrhunderten; die Quelljungfer hat man aber lange nicht mehr gesehen, und das Wasser scheint seine Heilkraft verloren zu haben.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch