Das Todtenvolk
Einst wüthete die Pest im Prättgau und die Famllie v. O. flüchtete sich in ein entlegenes Berggut, einen Knecht zurücklassend. Bei diesem erkundigte sich die flüchtige Familie von Zeit zu Zeit, ob sie nicht bald wieder heimkehren könnte; er aber warnte selbst dann noch davor, als längere Zeit kein Pestfall mehr vorgekommen war. Endlich, nachdem ein altes Weib noch daran verstorben war, liess er die Herrschaft heimkehren, und erzählte dann, er habe kurz vor dem Ausbruch der Pest eines Morgens früh beim Füttern der Pferde ein sonderbares Gemurmel, wie Bienengesumse, vom Dorfe her gehört, er sei unter die Thüre getreten, um zu schauen, was es gebe, und habe dann das Todtenvolk, einen langen Zug noch lebender Leute, gesehen dem Kirchhofe zuwallen und zwar ganz in der Reihenfolge, wie sie später an der Pest verstorben seien; zuletzt sei dann noch eine ziemliche Strecke hinter den andern jenes alte Weib nachgehumpelt, welches die Seuche zuletzt hinraffte. Deswegen nun habe er bis zu deren Bestattung die Herrschaft vor der Rückkehr gewarnt.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch