Das wilde Männchen zu Conters
Ein wildes Männchen, auch Fänke und Fänkenmannli genannt, hütete mehrere Sommer nach einander die Kühe der Gemeinde Conters im Prätigau, ohne dafür eine Belohnung anzunehmen. Eines Sommers wurden die Bewohner des Dorfes einig, ihn durch ein schönes Kleid für seine Mühe zu belohnen und legten dasselbe an die Stelle, wo er jeden Morgen die Heerde zu erwarten pflegte. Dem wilden Hirten schien das Geschenk zu gefallen; nach langem Hin- und Herwechseln und Probieren wurde der ungewohnte Schmuck angezogen. Aber mit demselben kam auch die Eitelkeit über den keinen Bergmann; voll Verwunderung über seine Schönheit hüpfte er jauchzend und singend bergauf, warf seinen Hirtenstab hoch durch die Luft von sich, und sprach:
"Was wett au so na Weideleman
Meh mit den Kühen z'Weidela gan."
Mit diesem Jubelgesang verschwand er im Walde, und niemand sah ihn wieder; aber die Kühe gaben von da an nicht mehr so viel Milch, als zur Zeit, da der wilde Küher sie hütete.
Eines wilden Männchens wussten die Burschen von Conters sich durch List zu bemächtigen. Von zwei Wassertrögen vor dem Dorfe füllten sie den einen mit Branntwein, den andern mit rothem Wein. Das wilde Männchen kostete zuerst den Wein und rief: "Rötheli, du verführst mi nit!" Dann hielt es sich an das weisse, wie es meinte, unschuldige Getränk und wurde, als sich dessen Stärke an ihm erprobte, gefangen und gebunden. Durch List ward es gefangen, durch List machte es sich frei. Es versprach nämlich den Burschen, die es oft um seine höhere Kräfte und Künste befragten, einen Rath zu geben, der ihnen durch's ganze Leben wohl kommen sollte, wenn sie es zuerst frei liessen. Dies geschah, und der Befreite ertheilte den Neugierigen folgenden Rath: "Jst's Wetter gut, so nim de Tschopa (Jacke) mit, Jst's aber laid (schlecht), chanst thuen wi d'witt!
Sprach's und entfloh schnell wie die Gemse über Stock und Stein zum Wald, und wurde seither nicht mehr gesehen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch