Die Gemskäslein
Ein wildes Fänkenmannli hauste einst in der Felshöhle Trockenstein oberhalb Camana in der Mitte des Savienthales, allwo es sich eine hübsche Gemsekäserei eingerichtet hatte. Es hatte eine grosse Schaar der schlanken Gratthiere gezähmt, so dass sie morgens und abends von selbst in die Höhle kamen, und sich melken liessen. Ein armes, einäugiges Kind des Thales, welches die Ziegen hütete, fand in der Höhle bei schlechtem Wetter Zuflucht und Speise. Die Gemskäslein seien so süss, dass sie einem im Munde zergehen, sagte es einmal seinem Bruder. Dieser fragte, wie sie denn bereitet würden. Dies sei das Geheimnis des wilden Mannlis, antwortete das Kind; es müsse immer, wenn dieses mit dem Käsen beschäftigt sei, sich unter einen Haufen Heidekraut verkriechen; dann singe das Mannli: "Einäugelein, schlaf ein!" Wache es wieder auf, so sei das Käslein jedesmal fertig.
Als der unartige Bruder dieses vernahm, zwang er das Kind, ihm seine Kühe zu hüten und mit ihm die Kleider zu tauschen. Darauf ging er in den Kleidern seines Bruders selbst in des wilden Mannlis Höhle. Da sah es recht sauber aus, grünes Heidekraut lag über dem Boden ausgebreitet, ringsum auf einem Steingesims standen kleine Gepsen (Milchgeschirre) aus Tannenholz, die mit Gemsenmilch angefüllt waren; Kessel und Herd waren nirgends zu sehen. Das wilde Mannli hielt den Buben für sein Einäugelein, scharrte das Heidekraut auf einen Haufen zusammen, liess ihn darunter kriechen und sang sein: "Einäugelein, schlaf ein!" Der schalkhafte Bube schloss das eine Aug zu und guckte mit dem andern unter dem Heidekraut hervor. Als aber das Mannli das muthwillige, offene Auge gewahr wurde, und den Trug einsah, gerieth es in Zorn und warf die Gepsen samt deren Inhalt dem Buben an den Kopf. Hierauf verliess es mit seinen Gemsen die Höhle auf immer.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch