Das wilde Männlein und der Senn
Die wilden Fänkenmannli besassen grosse und ungewöhnliche Kenntnisse in der Viehzucht und Alpenwirthschaft; sie bekundeten sie auch dadurch, dass sie es verstanden, aus der Schotte (Nachmolke), die man sonst nur den Schweinen zu geben pflegt, Gold zu bereiten. Ein Senn wäre bald einmal hinter das Geheimnis gekommen.
In einer Alpe des Prätigau lebte nämlich einst ein wildes Fänkenmannli mit dem Senn auf sehr vertrautem Fusse, und empfing von demselben gar mancherlei Geschenke und Gaben. Um sich dem Senn für die empfangenen Wohlthaten dankbar zu erzeigen, sagte es einmal zu ihm: "Heute soll er es käsen lassen und soll ihm zuschauen, aber dabei kein Wort sprechen, bis es fertig sei." Der Senn geht den Vorschlag ein, setzt sich auf einen Melkstuhl und schaut dem Mannli zu. Dieses macht alles in der Ordnung, und zuletzt, als es nach der Meinung des Sennen fertig war, stellt es den Kessel mit der Schotte wieder über das Feuer, und schickt sich an, von neuem zu manipuliren. Nun aber fing der Senn überlaut an zu lachen, und über das Mannli zu spotten, dass es aus der Schotte noch einmal käsen wolle. Da legte das Mannli die Kelle bei Seite und sagte: "Wenn d'nüt weisst, so seist" — und eilte fort, und liess sich nicht wieder sehen. Hätte der Senn geschwiegen, wie die Verabredung lautete, so hätte er sehen und lernen können, wie das Mannli aus der Schotte eitel Gold bereite.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch