Mutabor Märchenstiftung

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Das verrathene Geheimnis

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Zur Zeit, als die Pest, unter dem Namen "der schwarze Tod" in Graubünden grassierte und unzählige Opfer forderte, so dass ganze Höfe ausstarben, machte man die Beobachtung, dass gar keine wilden Männlein oder Weiblein von der Seuche hingerafft wurden, und kam zu dem Schlusse, dass dieselben ein Geheimmittel besitzen müssten.

Ein Bauer wusste endlich mit List dieses Geheimmittel aus einem wilden Männlein heraus zu kriegen. Dieses Männlein zeigte sich oft auf einem Steine, der in der Mitte eine bedeutende Höhlung hatte. Der Bauer, dem dieses Lieblingsplätzchen des Männleins wohl bekannt war, ging und füllte die Höhlung des Steines mit gutem Veltliner Wein, und verbarg sich in der Nähe.

Nach einer Weile kam das Männlein zu seinem Lieblingsstein, und sah ganz verdutzt drein, als es die Höhlung desselben mit dem funkelnden Nass angefüllt traf. Es bückte sich dann mehrere Male mit dem Näschen über den Wein, um wenigstens den Geruch des rothen Dings zu kosten, hob dann wieder den Kopf, winkte mit dem Zeigefinger und rief: "Nein, nein, du überkunst mi nit!"

Endlich einmal, als es sich ganz nahe über den Wein gebeugt hatte, blieb ein Tröpfchen Wein am Schnäuzchen hängen; dieses Tröpfchen leckte es mit der Zunge ab. Da stieg die Begierde, und es sagte zu sich selbst: "Ei, nur mit einem Finger tunken darfst du schon." Gesagt, gethan. Es leckte den Finger wohl hundert Mal ab, wurde dabei immer lustiger, und fing nachgerade an, allerlei dummes und gescheites Zeug vor sich hin zu schwatzen.

Da trat der Bauer aus seinem Verstecke hervor, und fragte das Männlein, was gut sei gegen die Pest. "Ich weiss es wohl," sagte das Männlein, "Eberwürza und Bibernella, aber das säg i dir no lang nit.". Jetzt war der Bauer schon zufrieden, und nach dem Gebrauche von Eberwurz und Bibernell starb niemand mehr an der Pest.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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