Mutabor Märchenstiftung

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Die Spinnerinnen

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Im Unter-Engadin liegt ein Örtchen, das heisst Tarasp, und nahe dabei ein Gehöft des namens Vulpera. Dort hauste eine rechtschaffene und fleissige Bäuerin, die ihren Mann liebte und ehrte, und ihre Kinder gut erzog. Da sind an manchem Winterabende aus dem Thälchen unterm hohen Piz Pisoc zwei schöne Mädchen mit Spinnrädern auf den Vulpera-Hof gekommen, in weissen Kleidern, mit flachsblonden Haaren, und haben gar fleissig gesponnen, und absonderlich gern nahmen sie die schönen glatten Flachswickel der Bäuerin auf ihren Rocken, und spannen ihn der feinsten Seide gleich. Dabei aber redeten sie nicht; nur wenn ein Faden zufällig brach, sagte die eine: "Faden ab!" worauf die andere erwiderte: "Knüpf an!" Wenn ein paar Spuhlen voll gesponnen waren, wurden sie gehaspelt oder geweift, und dann die schönen Garnstränge an die Wand gehängt, und mit Wohlgefallen betrachtet. Wenn ihre Stunde kam, erhoben sich diese nächtlichen Spinnerinnen, und traten mit ihren schön gedrechselten Rädern den Rückweg an, und allen Flachs, den sie gesponnen hatten, liessen sie der Bäuerin.

Diese gedachte nun, als das Ende der Spinnzeit heran nahete, sie müsse sich dankbar bezeigen, und rüstete daher eines Abends ein grosses Essen zu, besetzte den Tisch mit Milch und Butter, Speck und Eiern, Honig und Käse, und Weissbrot von Schuls oder Zernetz, auch rothen Wein aus dem Veltlin, und da sollte nun der ganze Vulpera-Hof nebst den fremden Spinnerinnen Theil nehmen. Letztere aber machten traurige Mienen, gaben der Bäuerin noch ein Garnknäuel und sprachen: "Für deinen guten Willen! Lohn um Lohn!" gingen und kamen niemals wieder. Das Garnknäuel aber wurde niemals gar oder alle, wie viel immer die Bäuerin Stränge davon abhaspeln mochte.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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